Spätestens in sechs Monaten werden viele Tunesier eine Premiere erleben: Sie werden bei einer freien Wahl ihre Stimme abgeben – seit 1956 hat es das in ihrem Land nicht gegeben. Anders als unter dem inzwischen gestürzten Präsidenten Sein al-Abidin Ben Ali sind auch Politiker der Opposition sowie unabhängige Kandidaten zugelassen. Und dieses Lager nutzt die neuen Freiheiten: Nach dem ehemaligen Vorsitzenden der tunesischen Menschenrechtsliga Moncef Marzouki  hat sich nun auch der Regimekritiker Taoufik Ben Brik als möglicher Nachfolger von Ben Ali ins Spiel gebracht.

Er rechne sich eine große Chance aus, sagte der Journalist, der unter dem früheren Machthaber mehrere Monate inhaftiert gewesen war. "Meine Bücher und Artikel haben entscheidend dazu beigetragen, das Ben-Ali-Regime zum Sturz zu bringen." Zudem sei er bekannter als andere Oppositionelle, begründete der 50-Jährige seinen Optimismus.

Ben Brik war am 26. November 2009 unter Ben Ali zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er eine Frau geschlagen haben soll. Seine Familie und die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen sprachen jedoch von einem inszenierten Prozess. Ben Brik selbst erklärte, seine Unterschrift unter dem Vernehmungsprotokoll sei gefälscht. Er hatte seine Verhaftung damals als Strafe für kritische Artikel über den Wahlkampf von Präsident Ben Ali im Jahr 2009 bezeichnet.

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Während Ben Brik voraussichtlich als unabhängiger Kandidat antreten wird, vertritt sein bislang einziger Konkurrent Marzouki die Partei Republikanischer Kongress (CPR). Die Bewegung, dem der 65-Jährige vorsteht, setzt sich für einen demokratischen Staat ein und war unter Ben Ali verboten.

Die Kandidaturen der beiden Oppositionellen reihen sich ein in die Bestrebungen der Übergangsregierung nach einem wirklichen Neuanfang in Tunesien. Auf ihrer ersten Kabinettssitzung beschloss die Ministerrunde eine Generalamnesie und damit die Zulassung aller politischen Organisationen, darunter auch die islamistische Gruppe al-Nahda. Allerdings muss das Parlament dem Gesetzentwurf noch zustimmen.

Zuvor hatte Übergangspräsident Fouad Mebazaa in einer Fernsehansprache einen "völligen Bruch mit der Vergangenheit" versprochen. Der langjährige Gefolgsmann des geflohenen Machthabers kündigte zudem an, die "Trennung zwischen Staat und Partei" umsetzen zu wollen. Gemeint war damit die Regierungspartei RCD, die der Opposition und den Demonstranten als Symbol der Korruption und der Unterdrückung gilt. Diese fordern daher die Auflösung der Partei.

Dazu gingen im Zentrum der Hauptstadt erneut rund Tausend Menschen auf die Straße. Sie protestierten vor dem Sitz der früher von Ben Ali geleiteten Einheitspartei. Um ein Eindringen der Demonstranten in das Gebäude zu verhindern, gab das Militär Warnschüsse ab. "Das Volk will den Rücktritt der Regierung", skandierten die Demonstranten mit Blick auf das Übergangskabinett unter dem vorläufigen Ministerpräsidenten Mohamed Ghannouchi. "Verräter, wir haben keine Angst mehr vor euch", war auf Transparenten zu lesen.

Dabei haben die Proteste erste Folgen: Die Machtbasis der RCD erodiert, das Zentralkomitee der Partei wurde aufgelöst, sämtliche ihrer Kabinettsmitglieder gaben das Parteibuch zurück. Am Sitz der Einheitspartei wurden Embleme der Partei verbrannt, das Namensschild unter dem Jubel der Menge abmontiert: Während ein Mann in Zivil beschützt von Soldaten mit einem Stahlseil die goldenen Buchstaben des Schriftzugs "Verfassungsmäßige Demokratische Versammlung" von der Fassade riss, verglich mancher der mehr als Tausend vor dem Hochhaus versammelten Demonstranten die Szene mit dem Sturz der Statue des irakischen Diktators Saddam Hussein nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003 in Bagdad.

Die Aufarbeitung der tunesischen Vergangenheit schließt auch die französische Regierung mit ein, die wegen ihrer Verbindungen zur autoritären Regierung von Ben Ali unter Druck ist. Nach Außenministerin Michèle Alliot-Marie musste sich nun auch Kulturminister Frédéric Mitterrand verteidigen. Er habe nie verschwiegen, dass das frühere Regime ihm in den neunziger Jahren die tunesische Staatsbürgerschaft gegeben habe. Man habe ihn damit möglicherweise vereinnahmen wollen, nachdem er ein tunesisches Jahr in Frankreich organisiert habe, das Regierungskritikern ein Forum geboten habe. "Aber ich habe keinen Kompromiss gemacht", verteidigte sich der Neffe des ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterrand.

Noch stärker als er steht Alliot-Marie unter Beschuss. Sie hatte Ben Ali kurz vor dessen Sturz französische Unterstützung gegen die Proteste angeboten. "Das in der ganzen Welt anerkannte Wissen der französischen Sicherheitskräfte könnte helfen, solche Sicherheitsprobleme zu lösen", sagte Alliot-Marie. Sie habe die Entwicklung nicht kommen sehen, verteidigte sich die Ministerin später. Inzwischen spricht sie von einem "nutzlosen" Streit um ihre Äußerung, der den Interessen des Landes schade.