In Tunis wird politischen Kreisen zufolge über eine Ablösung der Übergangsregierung durch einen "Rat der Weisen" verhandelt. Damit solle die Revolution geschützt werden, hieß es weiter. Dem Komitee soll demnach auch der weithin respektierte Oppositionspolitiker Ahmed Mestiri angehören. Ein Sprecher der tunesischen Regierung sagte dem Sender Al Arabija, eine Kabinettsumbildung stehe unmittelbar bevor.

Auch nach dem Sturz von Präsident Sein al-Abidin Ben Ali Mitte Januar gab es weiter Proteste gegen die Übergangsregierung. Der Armeegeneral Rachid Ammar warnte vor einem Machtvakuum. Dies könne wieder zu einer Diktatur führen, sagte Ammar. Er versprach zugleich, dass die Streitkräfte die Revolution schützen würden.

In Tunis kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Diese setzte Tränengas gegen eine Menschenmenge ein, die am Amtssitz von Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi übernachtet hatte und später Scheiben im Finanzministerium einschlug. Die Demonstranten verlangten den Rücktritt aller Minister aus der Regierungszeit Ben Alis.

Etwa 500 Demonstranten wurden von der Polizei auf dem Gelände des Regierungskomplexes festgehalten. 1000 weitere versuchten, zu ihnen zu stoßen. Die neuen Proteste werden zu einem großen Teil von Demonstranten aus verarmten ländlichen Gegenden getragen. Die Menschen waren am Wochenende zu Hunderten als so genannte "Karawane der Freiheit" in die Hauptstadt gezogen. Das ist ein Protestzug aus den armen Regionen Zentraltunesiens, viele stammen aus Sidi Bouzid, wo der Aufstand vor einem Monat mit der Selbstverbrennung eines Mannes seinen Anfang nahm.

Ghannouchi hatte am Freitag angekündigt, sich nach Neuwahlen aus der Politik zurückziehen zu wollen. Außenminister Kamel Morjane, auch ein Veteran der Ben-Ali-Zeit, sagte der französischen Zeitung Le Figaro, er hänge nicht an seinem Posten. Ein Rücktritt komme für ihn jedoch nicht infrage: Seine Sorge sei, dass Tunesien ins Chaos abgleite.

Der Sturz Ben Alis nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Macht hat die arabische Welt elektrisiert. In mehreren Staaten, darunter Ägypten, kam es seitdem ebenfalls zu Selbstverbrennungen. Auch in Jemen gab es Proteste. Am Montag wurde nach einem Tag in Haft die islamistische Journalistin Tawakul Karman freigelassen, die in der Woche zuvor Proteste gegen die Regierung organisiert hatte. Vor Hunderten Demonstranten in Sanaa kündigte sie sofort weitere Kundgebungen an. "Wir werden diesen Kampf und die Jasmin-Revolution fortsetzen, bis zur Absetzung dieses korrupten Systems, das den Reichtum der Jemeniten geplündert hat", rief sie. Jemen ist ein wichtiger Verbündeter des Westens im Kampf gegen al-Qaida.