Schüsse hallen durch die Straßen, mit Wasserwerfern und Tränengas wird gegen Demonstranten vorgegangen: Tunesien kommt drei Tage nach dem Sturz des Präsidenten nicht zur Ruhe. Nach einer unruhigen Nacht kam es in der Hauptstadt bei einer Kundgebung erneut zu Auseinandersetzungen. Rund 1000 Menschen zogen durch die wichtigste Straße in Tunis und forderten die Regierungspartei Konstitutionelle Demokratische Versammlung (RCD) auf, abzutreten: "Raus mit der RCD! Raus mit der Partei der Diktatur!" Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten ein, die sich in der Nähe des Innenministeriums versammelten.

Augenzeugen berichten, Polizeikräfte versuchten mit Schüssen in die Luft die Menge auseinander zu treiben. Männer hätten aus vorbeifahrenden Autos und von Motorrädern gefeuert. Auch zu Fuß seien Bewaffnete schießend in den Straßen unterwegs gewesen. Mieter durchsuchten ihre Wohnhäuser, nachdem es geheißen hatte, auf den Dächern hätten sich Scharfschützen verschanzt und feuerten auf Passanten in den Straßen.

"Die Revolution geht weiter", skandierten Protestteilnehmer kurz bevor die Polizei ihre Kundgebungen auflöste. Ähnliche Demonstrationen gab es nach Korrespondentenberichten auch in den Städten Sidi Bouzid und Regueb im westlichen Teil Tunesiens. "Wir können nur von Wasser und Brot leben, aber wir können nicht mit der RCD leben", riefen die Demonstranten.

Ihre Wut richtet sich auch auf den designierten Ministerpräsidenten Mohamed Ghannouchi, der noch im Laufe des Tages eine Übergangsregierung unter Beteiligung der RCD vorstellen wollte. Auch nach dieser Ernennung wurden neue Proteste erwartet: Ghannouchi gilt als enger Weggefährte des nach Saudi-Arabien geflohenen Staatschefs Ben Ali. Es wird auch erwartet, dass viele bisherige Minister ihre Posten behalten werden. "Ich bin der Erste, der dann auf die Straße geht", sagte ein Tunesier, der namentlich nicht genannt werden wollte. "Das sind doch die gleichen Leute wie vorher!"

Die islamische Bewegung al-Nahda hat dieser Übergangsregierung ihre Unterstützung versagt. "Wir befürworten diese Regierung nicht, wir werden sie auf friedlichem Wege konfrontieren", sagte dessen Generalsekretär Hamadi Jebali in einem Telefoninterview mit dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira. Dazu habe es bereits ein offenes Gespräch mit Ghannouchi gegeben. In diesem Gespräch habe er klargemacht, "dass unsere Forderung nicht eine Beteiligung an der Regierung ist".

Jebali hatte unter Präsident Ben Ali wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Vereinigung 15 Jahre im Gefängnis gesessen. Das Oberhaupt von al-Nahda, Rachid Ghannouchi, lebt im Londoner Exil, will aber noch in dieser Woche nach Tunesien zurückkehren. Er betonte, das alte Regime habe stets versucht, al-Nahda mit islamistischen Terroristen in eine Schublade zu stecken. Seine Bewegung sei von ihren Zielen her jedoch eher mit der moderaten islamischen Regierungspartei AKP in der Türkei zu vergleichen.

Nach tunesischer Verfassung müssten Neuwahlen binnen zwei Monaten stattfinden. Oppositionsvertreter fordern aber eine Frist von sechs Monaten, um die Wahl wirklich demokratisch zu gestalten. Hierbei bietet Europa seine Unterstützung an. Die EU sei bereit, "sofortige Unterstützung zur Vorbereitung und Organisation des Wahlprozesses zu geben", sagte eine Sprecherin von EU-Außenministerin Catherine Ashton. Tunesien brauche nach dem Ende der Herrschaft Ben Alis "freie Wahlen" und die EU wolle Tunesien helfen, das zu erreichen. Zudem arbeiteten die Europäer an Vorschlägen, die neue tunesische Führung zu unterstützen. Dies könne etwa über einen Ausbau der bilateralen Beziehungen im Bereich des Handels erfolgen.

Dies interessiert viele Tunesier derzeit kaum. Ihr Hauptgesprächsthema sind die Reichtümer, die die Familie des geflohenen Diktators ins Exil mitgehen lassen haben soll. Nach Informationen von Le Monde handelt es sich unter anderem um 1,5 Tonnen Goldbarren, die Ben Alis Frau Leila Trabelsi persönlich von der Zentralbank abgeholt haben soll. "Wir hoffen auf die internationale Gemeinschaft, dass sie uns hilft, dass die tunesischen Reichtümer wieder in unser Land zurückkommen", sagte eine Frau auf dem Markt von Tunis.