In Tunis waren am Sonntagnachmittag zahlreiche Schüsse zu hören. Zunächst war unklar, wer gegen wen vorging. Auf der Flaniermeile Avenue Bourguiba waren bewaffnete Soldaten und Dutzende Polizisten mit Schlagstöcken zu sehen. Die Straße ist von beiden Seiten mit mehreren Panzern abgeriegelt.

Damit bleibt die Lage nach dem Sturz von Tunesiens Präsident Sein  al-Abidin Ben Ali weiter angespannt. Der neue Übergangspräsident Fouad Mebazaa versprach einen demokratischen Machtwechsel, deutsche Urlauber wurden nach Hause gebracht. Durch die Unruhen kamen bisher offenbar mehr als 130 Menschen ums Leben, darunter auch ein deutsch-französischer Fotograf.

Die Armee ging am Sonntag weiter gegen Mitglieder der Leibgarde des Ex-Präsidenten Ben Ali vor. Die früher direkt dem Präsidenten unterstellten Sicherheitskräfte weigerten sich aufzugeben, hieß es am Vormittag in der Hauptstadt Tunis. In Tunis kam es zu mehreren Schusswechseln, einer davon ereignete sich vor dem Sitz der Oppositionspartei PDP. Vermummte hätten aus einem nahegelegenen Gebäude auf Polizisten gefeuert, als diese gerade ein Taxi durchsucht hätten, sagte ein Parteivertreter. Auch andernorts in Tunis waren sporadische Schüsse zu hören. Die Straßen des Zentrums waren bis auf eine enorme Polizeipräsenz verwaist.

Der frühere Sicherheitschef des gestürzten Präsidenten wurde festgenommen. Dem tunesischen Fernsehen zufolge wird General Ali Sériati und mehreren "Komplizen" Unruhestiftung vorgeworfen. Mehrere Zeugen hatten in den vergangenen Tagen Mitglieder des Sicherheitsapparats von Ben Ali für Gewalt und Plünderungen verantwortlich gemacht. Sériati sei im Süden des Landes beim Versuch, ins benachbarte Libyen zu fliehen, von Polizisten und Soldaten gefasst worden, hieß es aus offiziellen Kreisen. Sériati sei anschließend nach Tunis gebracht und dort in Untersuchungshaft genommen worden.

Zeugenberichten zufolge wurde auch ein Neffe des gestürzten Präsidenten festgenommen. Kaïs Ben Ali sei mit zehn weiteren Menschen von der Armee im zentraltunesischen Msaken gefasst worden. Die Sicherheitskräfte seien alarmiert worden, da die Verdächtigen in Polizeifahrzeugen durch die Gegend gerast seien und wild ums sich geschossen hätten, um Panik auszulösen. Zwei Zeugen bestätigten, dass es sich bei einem Festgenommenen um den Neffen Ben Alis handelte. Kaïs Ben Ali galt als eine einflussreiche Persönlichkeit in Msaken.

Zuvor hatte sich die Lage etwas beruhigt. Es seien weder Panzer noch Hubschrauber zu hören, auch keine Schüsse, berichtete der ZEIT-Korrespondent Gero von Randow aus Tunis. Soldaten und Panzer blieben im Stadtzentrum postiert, um weitere Plünderungen zu verhindern.

Eine Fotostrecke aus Tunis © Fethi Belaid/AFP/Getty Images

Die größte Gewerkschaft des Landes, UGTT, rief im Fernsehen zur Gründung von Bürgerwehren gegen Plünderer und Gewalttäter auf. Auch der tunesische Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi riet den Bewohnern von Tunis, sich in Gruppen zusammenzuschließen, um ihre Habe zu schützen. Damit reagierte er auf die massiven Plünderungen und Gewalttaten, die offenbar durch die Milizen des geflohenen Diktators Ben Ali verübt wurden. Die Zusammenarbeit zwischen Bürgerwehren und Militär zum Schutz vor Übergriffen scheine gut zu funktionieren, berichtete von Randow. Dennoch sei es in der Nacht erneut zu Plünderungen gekommen.

Übergangspräsident Mebazaa versprach derweil, für Pluralismus und Demokratie einzutreten und die Verfassung anzuerkennen. "Alle Tunesier müssen ausnahmslos in den politischen Prozess eingebunden werden", sagte er nach seiner Vereidigung. Binnen 60 Tagen muss er nun Wahlen ansetzen.

Mebazaa hat den Regierungschef Mohamed Ghannouchi mit der Bildung einer Koalitionsregierung beauftragt. Ghannouchi, der nach Ben Alis Flucht zunächst die Amtsgeschäfte des Präsidenten übernommen hatte, sprach am Samstag mit Vertretern der Opposition. Er empfing Vertreter zahlreicher politischer Gruppierungen, um über eine "Regierung der Nationalen Einheit" zu verhandeln.

Unter ihnen war auch der Oppositionspolitiker Najib Chebbi. Nach den Gesprächen sagte Chebbi dem französischen Radiosender RTL, dass Neuwahlen unter internationaler Beobachtung in rund sechs bis sieben Monaten stattfinden könnten. "Herr Ghannouchi hat vorgeschlagen, dass unsere Partei an der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit teilnimmt. Diese soll offen sein für demokratische Kräfte – das bedeutet unsere Partei und zwei weitere", fügte er hinzu.

Chebbi führt die Demokratische Fortschrittspartei an, die er in den achtziger Jahren gründete. Er ist ein ausgesprochener Kritiker des geflohenen Staatschefs Sein al-Abidin Ben Ali. Westliche Diplomaten halten den Anwalt seit Langem für den glaubwürdigsten Vertreter der Opposition.