War es Absicht oder ein Versehen? Ein Journalist stellte am Mittwoch dem chinesischen und dem amerikanischen Präsidenten die wohl heikelste Frage: Welchen Stellenwert hätten in ihrer Beziehung die Menschenrechte? Barack Obama zögerte keine Minute und antwortete ausführlich und ohne Umschweife. Es gebe hier große Differenzen, sagte er, ungeachtet der Tatsache, dass beide Staaten in anderen Angelegenheiten eng zusammenarbeitet würden.

Doch mangels Simultanübersetzung wurde die unangenehme Frage erst danach ins Chinesische übertragen. Bevor der mit steinerner Miene zuhörende chinesische Präsident Hu Jintao antworten konnte, erhob sich, fast wie bestellt, eine chinesische Fernsehjournalistin und wollte sofort etwas viel Banaleres von den beiden Staatsoberhäuptern wissen: "Wie wichtig sei das Verhältnis der Menschen beider Länder zueinander?" Hu blieb die Antwort auf das drängende Menschenrechtsproblem zunächst schuldig.

Doch die Journalisten ließen nicht locker, es gab kein Ausweichen. Acht Mal habe er Obama bereits getroffen, sagt Hu kurz und knapp, acht Mal sei auch über Menschenrechte gesprochen worden. China habe große Fortschritte gemacht und akzeptiere die Universalität dieser Rechte. Aber es gebe halt auch nationale Unterschiede, unterschiedliche Entwicklungen und soziale Herausforderungen. Alles gesagt. Schluss. Punkt.

Nach seinem verpatzten Chinabesuch im November 2009 wollte Barack Obama diesmal alles richtig machen. Damals wirkte der amerikanische Präsident orientierungslos und geradezu unterwürfig. Kein öffentliches Wort über die krassen Menschenrechtsverletzungen im Reich der Mitte. Keine Pressekonferenz, auf der Journalisten ungeschminkt Fragen stellen durften. Keine Debatte über Presse- und Meinungsfreiheit, mit der weiland Bill Clinton China aufgerüttelt hatte.

Damals hagelte es Kritik von allen Seiten. Vor allem von der republikanischen Opposition. Sie bezichtigten Obama unamerikanischer Demutsgesten. Keiner seiner Vorgänger habe sich jemals zu einem derartigen Kotau hinreißen lassen. Der Präsident habe wie ein kleinmütiger Schuldner gewirkt, der mit jeder Geste spüren ließ, wie tief Amerika bei China in der Kreide stehe. Das sei absolut unangemessen für den Führer einer Supermacht.

Auch jetzt, vor dem Staatsbesuch des chinesischen Staatsoberhaupts , ließen die Republikaner kein gutes Haar an Obamas China-Politik. Das Reich der Mitte sei nicht Partner, sagen sie, sondern vor allem eine Gefahr, eine ernsthafte Bedrohung. Es raube Amerika nicht nur Arbeitsplätze, sondern ebenso Erfindungen und Ideen, es manipulierte seine Währung zu Ungunsten des Dollars und rüste sein Militär massiv auf. Die neueste chinesische Errungenschaft: ein Tarnkappenbomber , der just beim Besuch des US-Verteidigungsministers in Peking vorgeführt wurde.