Amerika wird in diesem Jahr Trauer tragen – zumindest im September. Vor zehn Jahren wurden die Vereinigten Staaten von Amerika das erste Mal seit Pearl Harbor zu Hause angegriffen. In Manhattan stehen immer noch Kräne an dem Ort, wo einst die markanten Zwillingstürme des World Trade Center waren. Die Wunde der Stadt ist ebenso wenig verheilt wie die Wunde einer ganzen Nation. 19 Männer zeigten der Supermacht am 11. September 2001 mit vier Flugzeugen ihre Grenzen auf. Sie veränderten die Welt.

Niemand hat diese Bilder vergessen. Diese Aufnahmen, die nach einem Hollywood-Film aussahen und doch eine neue Wirklichkeit einläuteten: Um 8:46 Uhr Ortszeit schlug ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center ein. Aus einem gigantischen Loch quoll Rauch in den Himmel über Manhattan. 17 Minuten später raste eine zweite Maschine in den intakten Südturm. Sofort war klar: Das ist kein Unfall. Zwei Flugzeuge, die innerhalb von wenigen Minuten ein Gebäude treffen – das musste ein Anschlag sein.

Dann schlug um 9:37 Uhr ein drittes Flugzeug im Pentagon ein, dem berühmten Gebäude des Verteidigungsministeriums in Arlington bei Washington. Das Wahrzeichen amerikanischer Militärmacht war rußgeschwärzt, ein Loch klaffte in der Fassade, ein Großbrand brach aus. Eine vierte Maschine zerschellte auf einem Feld im Bundesstaat Pennsylvania. Vermutlich wollten sie die Terroristen in das Weiße Haus hineinsteuern.

Fast 3.000 Menschen kamen am 11. September ums Leben. Bis heute konnten hunderte Leichen nicht identifiziert werden.

Al-Qaida ("die Basis") hatte die zentralen Symbole Amerikas angegriffen: den Regierungssitz des Präsidenten, die Schaltzentrale der Landesverteidigung und ein Zentrum des internationalen Finanzmarktes. Vor den Anschlägen war das Terrornetzwerk nur Experten bekannt, nach dem 11. September kannte es die ganze Welt.

Die USA erklärten al-Qaida den Krieg. Die Regierung Bush teilte die Welt in Gute und Schurken auf, rief den globalen Kampf gegen den Terror aus. Amerika, die einzig verbliebene Supermacht, Gewinner des Kalten Krieges, fühlte sich von einem Terrornetzwerk herausgefordert. Die Amerikaner wollten Osama Bin Laden, den Gründer von al-Qaida und das Gesicht des internationalen Dschihad, zur Rechenschaft ziehen. Doch der Terrorist hatte bei den Taliban in Afghanistan Unterschlupf gefunden.

Die Taliban, eine fundamentalistisch-islamistische Gruppierung, hatten 1998 in den afghanischen Bürgerkrieg eingegriffen. Viele ihrer Kämpfer kamen aus pakistanischen Koranschulen. Die Taliban wurden vom pakistanischen Auslandsgeheimdienst ISI finanziert, ausgerüstet und beraten. Geld erhielten sie auch aus den Golfstaaten. Sie rückten vom pakistanischen Stammesgebiet schnell in den Süden Afghanistans vor. Die Taliban sind fast ausschließlich Paschtunen, eine Volksgruppe, die im Süden Afghanistan die Mehrheit stellt. Im Norden des Landes wurden sie von der Nordallianz bekämpft, ein loses Bündnis von Kriegsherren der Usbeken, Hazara und Tadschiken, das von den Amerikanern kurz nach dem 11. September aufgerüstet und beraten wurde.

Mit amerikanischer Luftunterstützung und der Hilfe von US-Spezialkräften eroberte die Nordallianz 2002 Kabul. Die Taliban flohen nach Pakistan. Der Kampf gegen den Terror sah nach einem Erfolg aus. 2003 stand al-Qaida unter starkem Druck und am Rand des völligen Zusammenbruchs. Doch plötzlich verlor Afghanistan für die Regierung Bush rapide an Bedeutung. Die USA eröffneten mit dem Angriff auf den Irak eine zweite Front im Kampf gegen den Terror. Sie begründeten die Attacke mit den angeblichen Beziehungen des Diktators Saddam Hussein zu al-Qaida und dem vermeintlichen Bau von Massenvernichtungswaffen. Beides konnte nicht bewiesen werden. Mit der Operation Iraqi Freedom rissen sie ein zweites Land in das Chaos eines brutalen Bürgerkrieges. Die Aufstandsbewegungen gegen die "Besatzer" sind in beiden Ländern bis heute aktiv – vor allem in Afghanistan .

Als die Kriege begannen, sprachen die Falken im Kabinett des damaligen Präsidenten George W. Bush noch von gezielten Nadelstichen, mit denen der Feind im Kampf gegen den Terror in die Knie gezwungen werden würde. Doch bei Luftangriffen und beim Einsatz einiger weniger hochspezialisierter Einzelkämpfer blieb es nicht. Die US-Streitkräfte wurden in verlustreiche Bodenkämpfe verwickelt, denn die militärische Überlegenheit der Amerikaner bei der konventionellen Rüstung bringt in asymmetrischen Kriegen wie jenem im Irak wenig ein. Die Aufständischen töteten aus dem Hinterhalt mit Sprengfallen, Raketen und Scharfschützengewehren. Sie töteten so viele amerikanische Soldaten, dass die Regierung das Filmen der zahlreichen Zinksärge verbot, die auf amerikanischen Militärflughäfen ausgeladen wurden. In Afghanistan starben im zehnten Kriegsjahr noch Hunderte amerikanische Soldaten, seit 2002 fielen dort mehr als 2.200 US-Armeeangehörige. Im Irak waren es bislang doppelt so viele.

Im US-Wahlkampf kam daher das Versprechen von Barack Obama, dem Kandidaten der Demokraten, den Krieg in Irak zu beenden, gut an. Als Präsident beendete er den Kampfeinsatz dann tatsächlich. Generell leitete Obama eine Wende in der amerikanischen Außenpolitik ein. Er setzt mehr auf Diskussion als auf Aggression. Doch den Hass der radikalen Islamisten auf sein Land konnte er mit Freundschaftsangeboten an die muslimische Welt – wie beispielsweise seiner Kairoer Rede – nicht mildern.