Anhänger und Gegner von Staatschef Hosni Mubarak haben sich am Mittwoch bis in die Nacht Straßenschlachten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos geliefert. Nach einem Bericht der BBC gelang es der Armee zwar bis zum Abend, die Mubarak-Anhänger vom Betreten des Platzes abzuhalten. Doch es flögen nach wie vor Steine, Molotowcocktails und eiserne Gegenstände auf den Platz. Zudem gelänge es dem Militär nicht, die großen Ansammlungen außerhalb der Absperrung zu zerstreuen.

Oppositionsführer Mohammed ElBaradei forderte die Armee auf, die Angriffe von Anhängern der Regierungspartei auf Anti-Mubarak-Demonstranten zu unterbinden. Die Armee solle eingreifen, um das Leben ägyptischer Bürger zu schützen, sagte ElBaradei dem Sender Al Jazeera, der in Ägypten seit Tagen nicht mehr empfangen werden kann.

Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen oppositionellen und regierungstreuen Demonstranten wurden bisher mehr als 500 Demonstranten verletzt, wie Ärzte mitteilten. Ein Armeerekrut kam ums Leben.

Immer wieder ritten angeblich bezahlte Schläger des Regimes auf Kamelen und Pferden in die Menge auf dem Platz hinein und schlugen mit Knüppeln und Eisenstangen auf Menschen ein. Einige hätten auch Messer dabei gehabt, hieß es. Dutzende Menschen wurden durch Steinwürfe, Knüppel und Faustschläge verletzt, auch Schüsse waren zu hören. Regierungsanhänger warfen Steinblöcke von Hausdächern auf die Regierungskritiker.

Die Anti-Mubarak-Demonstranten warfen dessen Nationaldemokratischer Partei NDP vor, sie habe bezahlte Schlägertrupps und Polizisten in Zivil geschickt. Das Innenministerium in Kairo ließ über das Staatsfernsehen dementierten, dass Polizisten an den Ausschreitungen beteiligt gewesen seien.

Wie Augenzeugen berichteten, hatten Mubarak-Anhänger eine Brandbombe geworfen. Daraufhin hätten Soldaten Warnschüsse in die Luft abgegeben. Die Angreifer hätten sich dann einen halben Kilometer zurückgezogen. Es hieß, die Armee habe den Mubarak-Anhängern gedroht, Gewalt anzuwenden, falls diese weiterhin versuchen sollten, die Demonstranten in die Flucht zu schlagen.

Augenzeugen berichteten, mehrere Männer hätten auf eine ausländische Journalistin eingeschlagen. Anwohner retteten die Frau, indem sie sie in eine Nebenstraße zogen. Mohammed Omar, ein Fotograf der European Pressphoto Agency (EPA), wurde während der Auseinandersetzungen, die er am Ägyptischen Museum fotografierte, am Kopf verletzt. Nach Angaben von Kollegen nahmen ihn Soldaten in Gewahrsam.

Bei den Auseinandersetzungen flogen auch zwei Molotowcocktails in den Hof des Ägyptischen Museums. Vor dem Museum ging ein Baum in Flammen auf. Die Armee versuchte, die Brände zu löschen. Das Museum beherbergt Kunstgegenstände von unschätzbarem Wert aus der Geschichte Ägyptens.

Im Kairoer Stadtteil Mohandesin demonstrierten Tausende Anhänger Mubaraks. Die Demonstranten trugen Plakate, die sowohl den islamischen Halbmond als auch das christliche Kreuz zeigten. Einige der Demonstranten attackierten Journalisten, denen sie vorwarfen, die Unruhen in Ägypten geschürt zu haben.

Die internationale Gemeinschaft reagierte besorgt auf die Gewalteskalation in Kairo. Der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Angriffe auf Demonstranten als "nicht hinnehmbar". In Ägypten müsse "ohne weitere Verzögerung" ein friedlicher Übergang beginnen, sagte Ban nach einem Gespräch mit dem britischen Premierminister David Cameron in London. Cameron bezeichnete die Zusammenstöße als "verachtenswert". Die US-Regierung erklärte sich "tief besorgt über Angriffe auf Medien und friedliche Demonstranten". Gleichzeitig rief sie die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach mit ElBaradei in einem Telefonat über die sich zuspitzende Lage. "Jede weitere Eskalation der Situation muss unbedingt vermieden werden", appellierte er anschließend an die ägyptischen Sicherheitsbehörden. "Schlägertrupps" müsse "unverzüglich Einhalt geboten werden". In Berliner Regierungskreisen hieß es, es gebe auch Gespräche mit gemäßigten Kräften in der Muslimbruderschaft.

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton rief Mubarak zu Gesprächen mit der Opposition auf. Mubarak müsse den Demonstranten sein weiteres Vorgehen erklären, sagte Ashton. "Es ist nicht an mir, ihn zum Rücktritt aufzufordern", sagte Ashton auf Nachfrage. Ägypten müsse sich nun politisch in Richtung Wahlen, Demokratie und Menschenrechte bewegen.

Am Mittag hatte die Armee die Bevölkerung erfolglos aufgefordert, die Demonstrationen zu beenden. Die Protestierer sollten nach Hause gehen, um eine "Rückkehr zu Sicherheit und Stabilität" zu ermöglichen, hieß es in einer Mitteilung des Militärs. Die Bürger hätten ihre Botschaft überbracht, ihre Forderungen seien gehört worden. "Die Streitkräfte appellieren an Sie. Sie können jetzt zum normalen Leben zurückkehren."

Die einflussreiche Muslimbruderschaft erklärte, es gebe "keine Alternative zum Abgang" des seit fast 30 Jahren herrschenden Präsidenten. Für Freitag plant die Opposition erneut eine Großkundgebung in Kairo.

Die ägyptische Regierung wies Forderungen aus dem Ausland nach einem sofortigen Machtwechsel zurück. Vorschläge, nach denen umgehend eine Übergangsperiode eingeleitet werden solle, würden die krisenhafte "innere Lage in Ägypten" weiter anfachen, sagte Außenminister Hossam Saki.

Die Armeeführung bezog sich dabei auf die Ankündigung von Staatspräsident Hosni Mubarak. Dieser hatte am Dienstagabend im staatlichen Rundfunk erklärt, nicht mehr für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Einen sofortigen Rücktritt lehnt er trotz der Massenproteste in seinem Land aber ab.

Offenbar lockert seine Regierung nun auch die Restriktionen der vergangenen Tage: Reportern zufolge funktionierte am Vormittag das Internet teilweise wieder. In Kairo gelang der Zugang zum Netz demnach über einen ägyptischen Server. Der Al Jazeera berichtet allerdings, dass die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter auch weiterhin nicht erreichbar seien.

Darüber hinaus wurde die Ausgangssperre in Kairo und anderen Städten gelockert. Nach Angaben des staatlichen Fernsehens soll diese nunmehr ab 17 Uhr bis zum frühen Morgen um 7 Uhr andauern. Vorher durften die Menschen ihre Häuser zwischen 15 Uhr und 8 Uhr nicht verlassen.

Auch politisch kommt das Regime den Demonstranten weiter entgegen. So soll im Zuge der Verfassungsreform ein Paragraf geändert werden, der es unabhängigen Kandidaten bislang praktisch unmöglich machte, für das Amt der Präsidenten anzutreten. Das ägyptische Fernsehen meldete, das Parlament soll die Änderung binnen 70 Tagen beschließen. Allerdings hatte Parlamentspräsident Fathi Surour zuvor angekündigt, dass die Sitzungen des Parlaments so lange verschoben werden würden, bis die Justiz über die Beschwerden gegen die Ergebnisse der Parlamentschaftswahl vom vergangenen November entschieden habe. Staatsmedien berichteten, die Kammer sei deshalb "bis auf weiteres suspendiert".