Kurz vor Ablauf eines Ultimatums der ägyptischen Opposition für einen Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak haben im Zentrum von Kairo erneut zehntausende Menschen gegen die Führung des Landes demonstriert. Die Proteste auf dem zentralen Tahrir-Platz standen am Freitag unter dem Motto "Tag des Abgangs". Viele Gläubige forderten in Sprechchören den Rücktritt Mubaraks. Die Opposition hatte den Präsidenten aufgefordert, bis Freitag zurückzutreten. Am Nachmittag stieß auch der Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, zu den Demonstranten. Er hatte zuvor eine Kandidatur bei der Präsidentenwahl im September nicht ausgeschlossen.

Auch Mohamed ElBardei, der frühere Chef der Internationalen Atomenergieagentur, wiederholte die Forderung nach dem sofortigen Rücktritt von Präsident Mubarak. "Wenn er bereit ist zu gehen, würden wir für einen würdigen Abgang Sorge tragen. Das lässt sich arrangieren", sagte ElBaradei. Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard sagte ElBaradei, dass er sich vorstellen könne, bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten, "wenn die Leute es so wollen". Allerdings sei die Frage, wer bei den Wahlen antritt, "im Moment wirklich nicht so wichtig". Zunächst war gemeldet worden, ElBaradei schließe eine Kandidatur aus.

Die New York Times berichtete, Washington dringe hinter den Kulissen auf die Bildung einer Übergangsregierung unter Führung von Vizepräsident Omar Suleiman. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP wollte ein Regierungsvertreter den Bericht nicht dementieren. Es gebe mehrere Szenarien, sagte er. Mubarak hatte dem US-Fernsehsender ABC am Donnerstag gesagt, für einen Rücktritt sei der richtige Moment noch nicht gekommen.

Die EU-Staaten forderten bei ihrem Gipfel in Brüssel einen sofortigen demokratischen Übergang in Ägypten. Ein solcher Prozess müsse "jetzt" beginnen, hieß es in der Erklärung der 27 Staaten. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderten einen Dialog mit der Opposition.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums wurden alle Rüstungsexporte aus Deutschland nach Ägypten ausgesetzt. US-Generalstabschef Michael Mullen warnte vor einem voreiligen Einfrieren der Militärhilfe seines Landes. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen nannte die Unruhen in mehreren Ländern eine Gefahr für die Weltordnung.

Die Atmosphäre in Kairo war nach Angaben des britischen Guardian "deutlich entspannter" als noch in den vergangenen Tagen. Vor Beginn des Gebets hatten sich lange Schlangen an den Zugängen zum Platz gebildet, wo neben dem Militär auch Demonstranten Kontrollen eingerichtet hatten. Auf dem Platz waren Rufe wie "Lasst uns Mubarak stürzen" zu hören und überall Nationalflaggen zu sehen. "Wir gehen nicht, bevor unsere Forderungen erfüllt sind", riefen die Menschen in Sprechchören. Über die Lautsprecher auf dem Platz lief Musik, die Demonstranten sangen die Nationalhymne, einige hatten ihre Instrumente dabei. Anhänger Mubaraks, die sich an den Tagen zuvor blutige Kämpfe mit Gegnern der Regierung geliefert hatten, waren nicht zu sehen. Eine größere Zahl versammelte sich aber auf dem Mustafa-Mahmud-Platz im Viertel Mohandessin.

Offenbar konnten aber Straßenschlachten, wie es sie in den vergangenen beiden Tagen gegeben hatte bislang durch die Armee verhindert werden. Die Streitkräfte umstellten den Platz mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und errichtete Barrieren aus Stacheldraht. Vor den Zugängen bildeten sich lange Menschenschlangen. Das Militär kontrollierte jeden einzelnen Demonstranten, diese mussten ihre Ausweise und Taschen vorzeigen.

Auch in der Küstenstadt Alexandria protestierten wieder zehntausende Menschen gegen die Führung, vor allem Anhänger der Muslimbruderschaft. In der türkischen Metropole Istanbul gingen Tausende aus Solidarität mit der ägyptischen Opposition auf die Straße, in der libanesischen Stadt Tripoli demonstrierten hunderte Unterstützer.