Die Bilder von den Straßenschlachten in Kairo haben auch die US-Regierung in Washington aufgeschreckt: Wie die New York Times unter Berufung auf US-Regierungsvertreter und arabische Diplomaten berichtet, verhandeln die USA mit der ägyptischen Führung über einen sofortigen Rückzug von Staatspräsident Hosni Mubarak. Anstelle des 82-Jährigen soll der neue Vizepräsident Omar Suleiman die Macht übernehmen.

Der langjährige Gefolgsmann von Mubarak soll aber lediglich bis zu den geplanten Wahlen im September an der Spitze des Staates stehen. Nach Angaben der Zeitung sehen die Pläne der USA vor, dass Suleiman einer Übergangsregierung vorstehen und umgehend einen politischen Reformprozess einleiten soll. In dem neuen Kabinett sollen demnach auch Vertreter der verbotenen islamistischen Muslimbruderschaft vertreten sein. 

In US-Regierungskreisen sei dabei von einem Vorschlag unter vielen die Rede, berichtete das Blatt weiter. Die Diskussionen würden mit hochrangigen Ägyptern im Umfeld Mubaraks geführt, jedoch nicht mit ihm selbst. Ihr Ausgang hänge von vielen Faktoren ab, darunter die weitere Entwicklung der Straßenproteste. Zudem sei unklar, ob Suleiman oder das einflussreiche ägyptische Militär bereit seien, sich von Mubarak zu trennen. Vor allem die Streitkräfte müssten für die Pläne gewonnen werden.

Der US-Nachrichtensender CNN berichtete später unter Berufung auf den Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Tommy Vietor, dass US-Beamte mit den Ägyptern eine "Auswahl von unterschiedlichen Wegen" diskutierten, wie eine neue Regierung aussehen könnte. Vietor betonte: "Alle jene Entscheidungen müssen vom ägyptischen Volk getroffen werden". Zu dem Bericht der New York Times sagte ein hoher Regierungsbeamter nach CNN-Angaben: "Es ist schlicht falsch zu berichten, dass es ein einziger Plan mit den Ägyptern verhandelt wird". Der Sprecher des US-Außenministeriums, P.J. Crowley, verwies auf die jüngsten Äußerungen von Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton zu einem raschen Wandel in Ägypten.

Mubarak selbst hatte sich dem bislang verweigert. Unter dem Druck der zunehmenden Massenproteste hatte er zwar angekündigt, nach drei Jahrzehnten an der Macht nicht mehr bei der Präsidentenwahl im Herbst antreten zu wollen. Einen sofortigen Rücktritt lehnte er aber ab. Dies würde die Lage in seinem Land noch instabiler machen, argumentierte er nun auch in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC. "Wenn ich heute zurücktrete, wird es Chaos geben", wird er zitiert.

Für die Regimegegner dagegen steht fest: Der verhasste Machthaber muss weichen. Für diesen Freitag hatte die Opposition deshalb zu neuen Massenprotesten aufgerufen. Am sogenannten "Tag des Abgangs" werden erneut mehrere Hunderttausend Menschen in Kairo erwartet, die Protestbewegung will im Anschluss an die Freitagsgebete bis zu eine Million Menschen auf die Straße bringen.

Die ägyptische Armee legte sich nach US-Angaben weiter Zurückhaltung auf und will nicht gegen die Demonstranten vorgehen. US-Generalstabschef Mike Mullen sagte im US-Fernsehen, die ägyptische Militärführung habe ihm versichert, dass sie nicht auf die eigene Bevölkerung schießen werde. Auch Vizepräsident Suleiman betonte, dass die Armee "keine Gewalt" gegen die Demonstranten anwenden werde. "Aber wir werden sie auffordern, nach Hause zu gehen", sagte er dem Sender ABC.

Im Gegensatz zum Vortag blieb es auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt am frühen Morgen zunächst ruhig. Hunderte Demonstranten missachteten die Ausgangssperre und verharrten in der Nacht auf dem Platz. Im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera berichtete eine Korrespondentin, es herrsche eine "angespannte Atmosphäre". Sporadisch seien Schüsse zu hören gewesen. Eine Demonstrantin sagte Al Jazeera, die Regierungsgegner seien im Alarmzustand. Aber viele seien zuversichtlich, dass sie ihr Ziel erreichen könnten: den Rücktritt Mubaraks.

Am Donnerstag hatte die Gewalt zwischen dem Oppositions- und Regierungslager in Kairo eine neue Dimension erreicht. Der Hass des Regimes richtete sich dabei auch gegen ausländische Journalisten und Menschenrechtsaktivisten. Allein zwischen Mittwochabend und Donnerstag früh wurden nach offiziellen Angaben fünf Menschen getötet und mehr als 830 verletzt. Erstmals seit dem Beginn der seit zehn Tagen andauernden Proteste kam auch ein Ausländer ums Leben, wie Rettungskräfte und ein Zeuge bestätigten. Seine Nationalität war zunächst nicht bekannt.