Unter Ägypten öffnen sich die Pforten zur Hölle. Vor zwei Wochen noch sonniges Ferienziel mit zwölf Millionen Urlaubern im Jahr, verwandelte sich der arabische Musterschüler in punkto Stabilität praktisch über Nacht in ein brodelndes Chaos. Das für seine Freundlichkeit berühmte Land droht in Gewalt und Anarchie zu versinken.

Eine seltsam brutale Fremdenfeindlichkeit macht sich breit, die vor kurzem noch niemand für möglich gehalten hat. Tagsüber jagen Regimeschläger auf Kairos Straßen junge Oppositionelle und Ausländer. Nachts verbarrikadieren Bürgerwehren ihre Viertel, auch Polizisten müssen sich vor durchgeladenen Schrotflinten und blanken Schlachtermessern durchsuchen lassen. So sieht es aus, wenn in einem Staat die öffentliche Ordnung zusammenbricht.

Und trotzdem klammert sich der greise Hosni Mubarak weiter an seinen Thron. Lieber endet er als Todesengel vom Nil, der alles mit sich in den Abgrund reißt, als dem Druck seines eigenen Volkes weichen. Noch ein letztes Mal – so scheint es – will sich der schwer kranke 82-Jährige an seinen undankbaren Untertanen rächen, bevor er selbst in sein Grab sinkt.

Freiwillige Aufgabe von Macht, das ist weder in Ägypten, noch in allen anderen arabischen Staaten Bestandteil der politischen Kultur. Macht wird in dieser Region nicht auf Zeit vergeben, sondern auf Lebenszeit. Politische Eliten richten sich auf Jahrzehnte ein, lassen niemanden hochkommen. Mit dem Potentaten verflochtene Personenverbände sichern dessen Macht und dürfen dafür die Pfründe der Nation untereinander aufteilen.

Politik versteht sich in erster Linie als Loyalitätspflege und Machtsicherung, nicht als Gestaltung des Gemeinwohls für alle Bürger der Nation. Entsprechend rücksichtslos sind die Gepflogenheiten der Machtausübung – genauso wie jetzt die Gewalt auf der Straße der um ihre Privilegien fürchtenden Regimetreuen. Kompromisse, die zentrale Übung politischer Mäßigung, gelten als Schwäche und als Gesichtsverlust. Berechtigte Interessen der Gegenseite zu berücksichtigen, die eigenen Machtansprüche im Blick auf das Gemeinwohl zu zügeln, kommt arabischen Potentaten nicht in den Sinn.

Wer aufmuckt und Alternativen fordert, wird niedergemacht, aus dem Weg geräumt oder eingesperrt. Bei der letzten Parlamentswahl im November ließ Mubarak die gesamte Opposition auf ganze drei Prozent der Mandate zusammenquetschen, um das Feld für seine reibungslose Thronfolge zu planieren.