Demonstranten auf den Straßen, wankende Potentaten , fliehende Präsidenten. Die Entwicklungen in Nordafrika und in der arabischen Welt machen der chinesischen Regierung Sorgen. Peking hat Angst davor, dass der arabische Freiheitsgedanke nach China überspringt. Kleine Oppositionsdemonstrationen in Peking, Schanghai und einer Reihe weiterer Städte wurden von den Sicherheitskräften am vergangenen Wochenende im Keim erstickt. Der Staat lieferte eine gewaltige und gewalttätige Machtdemonstration ab.

Die Polizisten und Mitarbeiter der Geheimdienste gingen auffällig rabiat vor, auch gegen Passanten und ausländische Journalisten. Dem Prügeleinsatz der Sicherheitskräfte war ein Aufruf auf der in den USA ansässigen chinesischen Webseite Boxun.com vorangegangen. Darin wurden Chinesen aufgefordert, wie in Tunesien eine "Jasmin-Revolution" zu starten und sich an öffentlichen Plätzen zu versammeln, um sich für demokratische Reformen einzusetzen.

Einer der genannten Treffpunkte war die zentrale Pekinger Einkaufsstraße Wangfujing, wo die Präsenz der Sicherheitsbehörden deutlich sichtbar war. Mehrere ausländische Reporter, darunter auch deutsche, wurden teilweise für Stunden festgesetzt. Ihr Filmmaterial wurde gelöscht, sie mussten sich schriftlich entschuldigen. Das Aufbegehren oppositioneller Bewegungen bereits in den Anfängen zu unterdrücken, ist in China seit je her gängige Praxis. Jeglicher politischer Protest wird als Gefahr für das Machtmonopol der regierenden Kommunistischen Partei gewertet.

Das robuste Vorgehen am Wochenende muss daher nicht als Zeichen von Nervosität gedeutet werden. Wesentlich bemerkenswerter ist vielmehr, dass praktisch zeitgleich Chinas Premier Wen Jiabao in einem Online-Chat mit der staatlichen Presseagentur Xinhua versprach , Schritte gegen Korruption, Inflation, Spekulation und steigende Lebenshaltungskosten einzuleiten. Damit widmete er sich genau jenen Fragen, die Unzufriedenheit und Unruhen auslösen, denn steigende Preise für Lebensmittel und Mieten beispielsweise bestimmen die Schlagzeilen in China. In der Vergangenheit hatte es wiederholt Proteste gegen steigende Lebenshaltungskosten gegeben.

Wen Jiabao erwähnte die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und sagte, die Regierung plane eine Entlastung von Menschen mit niedrigem Einkommen. Eine der Hauptaufgaben für 2011 ist es laut Wen, Korruption gerade bei führenden Staatsvertretern zu verfolgen. Auch die bedrängten nordafrikanischen Herrscher haben sich mit solchen Versprechen an das Volk gewandt, allerdings erst, als die Proteste eine solche Dynamik entwickelt hatten , dass sie sich nicht mehr stoppen ließen . In Saudi-Arabien und den Emiraten versuchten die Potentaten, das Volk mit Geldgeschenken und der Ankündigung sozialer Reformen zu beruhigen.

Doch China ist nur schwer mit den arabischen Ländern zu vergleichen . Das säkulare China ist in den vergangenen drei Dekaden nach den USA und vor Japan zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Das hat dem Land auch politisches Selbstbewusstsein zurückgebracht.

Am wichtigsten aber ist: Es gibt heute nicht nur viele reiche Chinesen, glitzernde Städte und modernste Industrieanlagen, die Regierung in Peking hat auch Hunderte Millionen Menschen aus der allerschlimmsten Armut herausgeholt. Das heißt, das Wirtschaftswachstum kommt auch beim Volk an, ein ganz wesentlicher Unterschied zu Nahost. Zudem ist die Volkswirtschaft Chinas vielschichtiger, freies Unternehmertum ist gestattet, Bildung wird ausdrücklich gefördert. Angesichts des Wachstums schauen viele Chinesen durchaus optimistisch in die Zukunft