Libyen ist Italiens Hinterhof. Über 500 Jahre lang gehörten Tripolitanien und die Kyrenaika zum Römischen Reich. 1911, also vor genau 100 Jahren, wurde das Land vom damaligen Königreich Italien besetzt, bevor Mussolini es zur "Kolonie Italienisch-Libyen" ernannte. Das erklärt, warum der Bürgerkrieg in Libyen die italienischen Medien beherrscht – auch die Fernsehsender und Zeitungen des Premiers Silvio Berlusconi.

Zu der historischen Verbundenheit gesellt sich Libyens Bedeutung als erster Erdöllieferant für Italien (23 Prozent), allein das Unternehmen Saras im Besitz der Familie von Inter Mailands Patron Massimo Moratti bezieht jährlich 5,4 Millionen Tonnen aus Libyen. Im Gegenzug ist Gadhafi an der italienischen Großbank Unicredit und an Fiat beteiligt, bis heute ist er zudem mit seinen 7,5 Prozent an Juventus Turin der einzige ausländische Anteilseigner bei einem Erstligaklub.

Libyen ist für Italien ungefähr das, was für die Deutschen Polen ist – ein Nachbar, der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überfallen und besetzt wurde. Die Kriegsverbrechen der Italiener wurden erst von Silvio Berlusconi 2008 in einem Wiedergutmachungsvertrag anerkannt, der Libyen Investitionen über fünf Milliarden Dollar in 20 Jahren zusagte.

Der Diktator Gadhafi wurde jedoch von jeder italienischen Regierung hofiert, obwohl er 1970 über Nacht 20.000 Italiener aus seinem Reich trieb und italienischen Besitz im Wert von umgerechnet drei Milliarden Euro beschlagnahmte. Ob Christdemokraten, Sozialisten oder Ex-Kommunisten – alle machten sie dem ebenso schillernden wie autoritären Libyer den Hof. Zunächst betrieb das Öl den Motor der italienischen Realpolitik, später kamen die Flüchtlinge hinzu.

Für Gadhafis Staatsbesuch wurde in Rom eine ganze Villa renoviert, dabei übernachtete er im Zelt. Zu seiner Koranstunde wurden italienische Hostessen gemietet, einmal wurde gar das Finale des Italienpokals auf dem Sandboden des Stadions von Tripolis ausgetragen und einer von Gadhafis Söhnen durfte in der Serie A Fußball spielen, bis er wegen Dopings disqualifiziert wurde.

Das alles mag Italiens Zurückhaltung in der Libyen-Krise erklären. Erst als es gar nicht mehr anders ging, verurteilte Außenminister Franco Frattini das "Blutbad unter Zivilisten", während Berlusconi "mit großer Freude" konstatierte, "dass der Wind der Freiheit auch in jenen Ländern" Nordafrikas blase – nachdem er noch am Wochenende versichert habe, er wolle Gadhafi "nicht stören."

Libyens Krise nützt Berlusconi

Nun ist das stoische Festhalten am Status Quo, das Inkaufnehmen von Diktaturen, die für stabiler erachtet werden als weniger zuverlässig erscheinende Demokratien, keine italienische Spezialität. Doch angesichts der revolutionären Bewegungen im Maghreb verfielen die Italiener geradezu in Schockstarre. Das liegt einerseits daran, dass ausgerechnet Gadhafi neben dem lupenreinen Demokraten Putin die einzige außenpolitische "Eroberung" war, die der Populist Berlusconi vorweisen konnte.

Schwerer aber wiegt die Flüchtlingswelle, die Italien ängstigt. Ausgerechnet Gadhafi, der Europa für viel Geld und wenig Moral die Flüchtlinge vom Leib gehalten hatte, fällt. "Und man weiß nicht, was nachher kommt", schwant Berlusconi, während sein Außenminister schon das Schreckgespenst von 300.000 Bootsflüchtlingen an die Wand malt.

Auf der Insel Lampedusa sind seit Beginn der nordafrikanischen Krise 6.300 Menschen gelandet, die meisten aus Tunesien. Eine große Zahl für Lampedusa, eine kleine für Italien. Doch die Angst vor einem "biblischen Exodus" (Innenminister Maroni) nützt paradoxerweise Berlusconi. Nahezu einstimmig ruft die italienische Politik jetzt nach Hilfen aus Europa. Zum ersten Mal seit Wochen stehen nicht Berlusconis Affären im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, sondern der Umgang mit der bevorstehenden Flüchtlingswelle.

Dabei weiß niemand, ob und wann sie kommt, keiner kann erahnen, wie viele Menschen sich wirklich nach Italien aufmachen. Was man aber jetzt schon weiß, ist, dass Berlusconi seine Rolle als Krisenmanager spielen wird und selbst für die Opposition ist das Thema Neuwahlen plötzlich vom Tisch. Gadhafi sei Dank.