Die meisten Menschen, die sich am 25. Januar zu den ersten Protesten in Kairo trafen, waren Freunde – virtuell, verbunden durch Facebook. Sie gehören größtenteils der sogenannten Generation Mubarak an, die nie einen anderen Präsidenten erlebt hat als den heute 82-Jährigen. Sie sind aber auch Teil der Generation Internet, für die es völlig normal ist, sich in sozialen Netzwerken zu bewegen.

Facebook bot den jungen Ägyptern die ideale Plattform, um sich in politischen Gruppen zusammenzuschließen. "Sie waren frustriert davon, nicht mitreden zu können, wie es in ihrem Land weitergehen soll und keine politische Stimme zu haben", sagt Florian Kohstall, der Leiter des Verbindungsbüros der Freien Universität Berlin in Kairo.

Mit die bedeutendste dieser Facebook-Gruppen ist die " 6th of April Youth Movement " (Jugendbewegung des 6. April). Sie hatte zu den ersten Protesten aufgerufen. Gemeinsam mit " We are all Khaled Said " (Wir sind alle Khaled Said), benannt nach einem Blogger, den Polizisten in Alexandria laut Augenzeugen auf offener Straße zu Tode geprügelt hatten.

Einer der Gründer der Jugendbewegung des 6. April ist Ahmed Maher, ein 29-jähriger Ingenieur. Wer im Internet nach ihm sucht, der findet rasch Bilder, die den malträtierten Rücken eines jungen Mannes zeigen. Striemen und blaue Flecken von Schlägen und Tritten bedecken ihn überall. Gut zwei Jahre sind diese Bilder alt. Damals hatte der Staat begriffen, wie gefährlich Menschen wie Maher werden können.

Das erste wichtige Ereignis, bei dem Facebook eine Rolle in Ägypten spielte, war die afrikanische Fußballmeisterschaft im Januar 2008. Die ägyptische Mannschaft erreichte das Finale und ein Fan kam auf die Idee, eine Facebook-Gruppe einzurichten. Innerhalb kurzer Zeit hatte diese rund 45.000 Mitglieder. Das war das erste Mal, dass sich so viele Ägypter virtuell zusammenfanden, weil sie etwas teilten – in diesem Fall die Begeisterung für ihre Nationalmannschaft. Während dieser Tage stieg die Zahl der Facebook-Nutzer im Land enorm an, innerhalb weniger Monate hatte eine Million Ägypter ein Profil eingerichtet. Das blieb von politischen Aktivisten nicht unbemerkt.

Das nächste wichtige Ereignis waren die Unruhen in der Stadt Mahalla al-Kubra im Nildelta. Textilarbeiter hatten dort für den 6. April 2008 einen Streik geplant – was in Ägypten verboten ist. Sie wollten gegen ihre niedrigen Löhne und die steigenden Preise für Lebensmittel protestieren. Maher und die Personalsachbearbeitern Israa Abdel-Fattah, die er im Umfeld der Oppositionspartei Al-Ghad (Der Morgen) kennen gelernt hatte, kamen auf die Idee,  diesen Streik über Facebook landesweit bekannt zu machen und noch mehr Demonstrationen zu organisieren, auch in Kairo.

Menschen aus allen Schichten beteiligen sich am Protest

Am 23. März gründeten sie die Gruppe 6th of April Youth Movement und schickten Einladungen an 300 Bekannte und Freunde. Am nächsten Morgen waren 3.000 beigetreten. In den folgenden Tagen sandte Maher so viele weitere Einladungen, dass Facebook zeitweise seinen Account sperrte – Verdacht auf Spam. Ende März hatte die Gruppe 40.000 Mitglieder. Nach ihren eigenen Angaben kommen sie aus allen Schichten und haben sich zuvor nur selten politisch engagiert. Ihr Ziel ist es, einen Wandel des Landes zu erreichen, hin zu einer demokratische Zukunft.

Die Proteste in Mahalla al-Kubra waren die gewalttätigsten seit langem in Ägypten: Mindestens zwei Menschen starben, Dutzende wurden verletzt, Hunderte verhaftet. Entgegen der Hoffnung von Maher und Abdel-Fattah gingen in Kairo aber kaum Demonstranten auf die Straße.

Das hätte es gewesen sein können mit der Jugendbewegung des 6. April. Aber die Sicherheitskräfte machten einen Fehler: Sie verhafteten Abdel-Fattah und heizten damit den Zorn ihrer Facebook-Freunde an. Zwar schwor die junge Frau nach ihrer Freilassung zwei Wochen später ihren politischen Aktivitäten ab, die Wut der jungen Menschen auf den Staat dämpfte das aber nicht mehr.

Maher machte alleine weiter. Zum 80. Geburtstag von Präsident Mubarak am 4. Mai plante er weitere Aktionen, sehr zum Missfallen des Staatsapparates. Polizisten verhafteten ihn, verbanden ihm die Augen, zogen ihn aus, drohten, ihn zu vergewaltigen, schlugen und traten ihn. Nach etwa zwölf Stunden ließen sie ihn gehen.

Seitdem ist Maher vorsichtig geworden, manchmal sieht er seine Familie tagelang nicht. Dabei macht es die Bekanntheit, die er mittlerweile in Ägypten hat, den Sicherheitskräften schwer, ihn erneut zu verhaften und zu misshandeln, ohne eine Welle des Protests auszulösen. Seine Idee, die er vor fast drei Jahren hatte, scheint funktioniert zu haben.

Das zeigt auch ein Blick auf den Beginn der aktuellen Proteste. "Es war auffällig, dass junge Menschen aus allen möglichen sozialen Verhältnissen an den Protesten teilgenommen haben, auch Studenten der privaten Universitäten", sagt Florian Kohstall von der Freien Universität. Seiner Meinung nach ist die ägyptische Jugend bei weitem nicht so unpolitisch, wie ihr in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen wurde: "Wenn die Jungen eine Stimme haben, die etwas zählt, dann sind sie auch politisch."

Diese Stimme bekamen sie durch das Internet, durch Facebook und Twitter. Dabei wird es aber wohl kaum bleiben. Die jungen Aktivisten organisieren und vernetzen sich zunehmend auch offline. Der Protest ist längst vom Netz auf die Straße übergeschwappt. "Ein Problem könnte allerdings sein", sagt Kohstall, "dass die etablierten Oppositionsparteien sie nicht ganz ernst nehmen". Noch nicht zumindest.