Zum ersten Mal seit zwei Wochen hält die Metro wieder am Tahrir-Platz. Nur der beißende Fäkalgeruch in den unterirdischen Fußgängerröhren erinnert noch an die 18 Tage Ausnahmezustand über der Erde. Oben packen die Demonstranten zusammen, die Barrikaden sind verschwunden. Geschwader junger Leute mit bunten Plastikbesen, Kehrschaufeln und Müllsäcken sind eifrig unterwegs. Blechlawinen von Autos bahnen sich hupend ihren Weg, vorerst dirigiert von Militärpolizisten. Einige der Reisebüros haben wieder geöffnet, Kunden gibt es nicht, schwatzend stehen die Inhaber mit einem Glas Tee in der Türe. "Das Geschäft ist erst einmal kaputt", sagt einer. "Aber es hat sich gelohnt."

Gegenüber auf der anderen Straßenseite hängt eine lange Galerie mit Plakatfotos von Toten – die meisten sind junge Männer, einige mit schrecklich verstümmelten Gesichtern. Am Tag zwei nach der Revolution zieht auf dem Platz der Befreiung erstmals wieder ein Stück Normalität ein. Die Tonnen von Wurfsteinen, mit denen der Asphalt übersäht war, sind verschwunden, fast alle Parkanlagen bereits säuberlich geharkt, sogar die Bäume frisch gewässert. Nur der gelbe Rasen erinnert noch an die Zeltlager der Mubarak-Bezwinger.

Junge Frauen stehen zum Blutspenden an, der "National Blood Transfusion Service" hat zwei ambulante Stationen geschickt. Und das Polizeihäuschen, das Freitagnacht noch umgekippt als Barrikade diente, steht heute wieder makellos weiß und frisch gestrichen auf seinem angestammten Platz.

Auch das Stück Bürgersteig, wo der Chirurg Mohamed Zanan unter einer Plastikplane Schusswunden und Messerstiche versorgt hatte, liegt verlassen in der Mittagssonne. An manchen Stellen der angrenzenden Hauswand hat sich etwas Farbe gelöst, dort, wo seine Helfer mit Klebeband die Plastiktüten befestigt hatten, in denen Mullbinden, Verbandszeug und Schmerztabletten steckten. Hauptberuflich arbeitet der 48-Jährige in einem Medizinkonzern, in seiner Freizeit leitet er eine "Wohltätigkeitsklinik" am Stadtrand von Kairo, wo sich die Armen für umgerechnet 80 Eurocent behandeln lassen können. Offiziell habe der Oberste Militärrat zwar jetzt den Staat übernommen, sagt er. "Doch die Macht, die hat das Volk. Und wir werden keine Rückkehr nach 1952 erlauben”, fügt er hinzu in Anspielung auf den Militärputsch der freien Offiziere unter dem späteren Präsidenten Gamal Abdel Nasser. "Unser erstes Ziel haben wir erreicht", sagt er. "Aber wir werden wachsam bleiben und die Versprechungen der Armee, auf die Reformen aufzupassen, an ihren Taten messen."

Nicht überall in Kairo blieb es am Sonntag so friedlich wie im Epizentrum der ägyptischen Revolution. Nahe dem berüchtigten Innenministerium gerieten Soldaten mit Polizisten aneinander, die für höhere Löhne und die Wiederherstellung ihres Ansehens demonstrierten. Erst, als die Soldaten Warnschüsse in die Luft feuerten, beruhigten sich die Ordnungshüter wieder. "Wir sind keine Verräter", riefen sie und forderten die Exekution des früheren Innenministers Habib al-Adly. Dessen Vermögen ist inzwischen beschlagnahmt. Er darf das Land nicht verlassen, genauso wie der langjährige Premierminister Ahmed Nazif und der notorische, am Samstag zurückgetretene Informationsminister Anas al-Fiki. Dieser ist verantwortlich für die Hetzkampagnen der vergangenen Tage gegen die Demonstranten und ausländischen Journalisten.

Derweil schlug das Oberkommando der Armee am Wochenende politisch die wichtigsten Pflöcke ein. Das Parlament wurde aufgelöst und die Verfassung außer Kraft gesetzt – und damit zwei der politischen Hauptforderungen der Mubarak-Gegner erfüllt. Ein spezieller Verfassungsrat, dessen Mitglieder noch nicht feststehen, soll Änderungen vorbereiten und sie dann dem Volk zur Abstimmung vorlegen. Ägypten werde alle seine internationalen Verträge weiter anerkennen, darunter den 1979 geschlossenen Friedensvertrag mit Israel, hatten die Generäle bereits am Samstag verkündet. Und sie legten fest, dass die von Hosni Mubarak vor zwei Wochen ernannte Regierung geschäftsführend im Amt bleibt – bis zu den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im August oder September.