Die Vereinten Nationen haben nun auch Sanktionen gegen das libysche Regime erlassen. Sie umfassen ein Reiseverbot für Staatschef Muhammar al-Gadhafi und seinen Clan sowie die Sperrung ihrer ausländischen Konten. Vor allem aber ermöglicht die UN-Resolution Ermittlungen und gegebenenfalls Prozesse gegen Gadhafi und seine Söhne vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Der Sicherheitsrat stimmte den Strafmaßnahmen am Samstagabend (Ortszeit New York) geschlossen zu.

In seiner Resolution wirft das höchste UN-Entscheidungsgremium der Führungsriege in Libyen "schwere und systematische Verstöße gegen die Menschenrechte", darunter Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor. Der libysche Botschafter in New York hatte den Maßnahmen zuvor schriftlich zugestimmt. Abdurrahman Shalgham war nach den brutalen Angriffen auf Zivilisten von seinem Jugendfreund und langjährigen Vertrauten Gadhafi abgerückt.

Zuvor hatten die USA Sanktionen verhängt, die Staaten in Europa waren sich grundsätzlich darüber einig geworden, es auch zu tun. Ein formeller Beschluss steht noch aus.

Außenminister Guido Westerwelle begrüßte die Sanktionen. In der internationalen Gemeinschaft gebe es keinen Platz für jemanden, der seine eigenen Leute umbringt, sagte er. Deutschlands UN-Botschafter Peter Wittig nannte die Resolution "eine klare Warnung an alle, die flagrante Menschenrechtsverletzungen begehen: Straflosigkeit wird jetzt nicht mehr toleriert". Insofern habe die Resolution "weit über den Tag hinaus Bedeutung".

Die amerikanische UN-Botschafterin Susan Rice hob hervor, dass sich das höchste UN-Gremium im Fall Libyen erstmals geschlossen an den Strafgerichtshof wende. Bei einem entsprechenden Vorstoß wegen der Gräueltaten in Darfur hatte sich Washington noch der Stimme enthalten. Das Gericht in Den Haag erhob seitdem Anklage gegen den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir und stellte auch einen internationalen Haftbefehl gegen ihn aus.

Der ehemalige Justizminister Gadhafis, Dschalil, kündigte die Bildung einer Übergangsregierung an. Nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera sagte Dschalil, dass diese Interimsregierung die Institutionen des Gadhafi-Regimes ersetzen soll. Bis zur Befreiung von Tripolis soll die Übergangsregierung in der zweitgrößten Stadt Libyens, Bengasi, ihren Sitz haben.

US-Präsident Barack Obama sprach sich in einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel für den sofortigen Abtritt Gadhafis aus. Wer nur noch mit massenhafter Gewalt gegen das eigene Volk regieren könne, habe jegliches Herrschaftsrecht verwirkt. "Er muss tun, was das Richtige für sein Land ist, indem er jetzt geht", hieß es in der Mitteilung.

Merkel und Obama seien sich einig darüber gewesen, dass Gadhafi jegliche Legitimität verloren habe, teilte ein Regierungssprecher mit. Gadhafis gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Aktionen müssten endlich ein Ende finden.

Gadhafi klammert sich an seine schwindende Macht. Loyale Milizen kontrollierten weiterhin die meisten Stadtteile in der Hauptstadt Tripolis, berichtete Al Jazeera am Sonntag. Eine Frau sagte in einem Telefongespräch, sie habe Angst auf die Straße zu gehen, "weil ständig geschossen wird" Milizen würden Taschen, Ausweise und sogar die Mobiltelefone kontrollieren.

Dagegen ist der große Ostteil Libyens nach Angaben der Opposition in der Hand der Regimegegner. Auch die drittgrößte Stadt des Landes, Misurata, haben sie unter ihre Kontrolle gebracht. Regierungstreue Truppen und Milizen hätten Misurata verlassen, sagte ein Einwohner in einem Telefongespräch Al Jazeera. Am Stadtrand gebe es noch vereinzelt Gefechte.

Obwohl die ehemaligen staatlichen Sicherheitsstrukturen in der zweitgrößten Stadt des Landes zusammengebrochen sind, ist die Lage nach Berichten von Einwohnern ruhig. "Das befreite Libyen ist stabil. Das zeigt, dass die Menschen das Land regieren können", sagte Awad al-Feituri vom libyschen Informationszentrum Al Jazeera.

Allein im ostlibyschen Bengasi sollen nach ersten Schätzungen mindestens 750 Menschen getötet worden sein. Die Zahl der Toten in ganz Libyen ist nach den Worten des stellvertretenden libyschen UN-Botschafters Ibrahim Dabbaschi auf weit über 1000 gestiegen.

Zwei Transall-Flugzeuge der Bundeswehr flogen am Samstag 133 Menschen unterschiedlicher Nationalität aus Libyen aus. Die Maschinen flogen nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa von einem Nato-Stützpunkt auf der griechischen Insel Kreta aus zu einem Ort im Süden Libyens, in dem sich Ausländer gesammelt hatten. Von dort ging es wieder nach Kreta zurück. An Bord waren nach Angaben des Außenministeriums auch Dutzende Deutsche und andere EU-Bürger.