Gegner des libyschen Staatschefs Muammar al-Gadhafi sollen die Kontrolle über mehrere Städte im Osten Libyens übernommen haben. Dies meldet der britische Guardian in Berufung auf in London ansässige oppositionelle Gruppen und mehrere unbestätigte Berichte in sozialen Netzwerken.

Demnach haben sich die Regierungstruppen aus der Stadt Al-Baidha bereits zurückgezogen. Al-Baidha ist die drittgrößte Stadt im Land. Gestern noch hatte die Armee-Brigade von Gadhafis Sohn Chamies damit begonnen, die Demonstranten zu vertreiben. Diese Brigade, der auch Afrikaner aus anderen Ländern angehören sollen, ist laut einer Depesche der US-Botschaft vom Dezember 2009 die am besten ausgebildete und ausgerüstete Einheit der libyschen Streitkräfte. Laut Reuters sollen die Demonstranten jedoch Hilfe von der örtlichen Polizei bekommen haben.

"Das Volk hat Al-Baidha übernommen", wird Giumma el-Omami, ein Mitglied der libyschen Human-Rights-Solidarity-Gruppe, von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Auf Twitter heißt es "Libyer berichten, Al-Baidha sei befreit." Auf der Website von Al-Jazeera heißt es jedoch, das Militär hätte den Kampf wieder aufgenommen. Die Einheimischen würden sich "mit jeder Waffe wehren, die sie finden könnten."

Laut unbestätigten Augenzeugenberichten sollen in Al-Baidha seit gestern mindestens 30 Demonstranten ums Leben gekommen sein. Außerdem sollen Gegner des Regimes den Flughafen besetzt haben, um Militärmaschinen am Landen zu hindern. Adschdabiya, eine Stadt im Nordosten des Landes, soll ebenfalls von Regierungsgegnern kontrolliert sein.

Der libysche Staatschef Muammar al-Gadhafi verlässt sich bei der Bekämpfung des Aufstandes vor allem auf seine Familie. Nach den blutigen Unruhen in der Stadt Bengasi hieß es, Gadhafi werde seinen Sohn Al-Saadi "ins Zentrum des Aufstands" schicken. Die libysche Zeitung Al-Watan meldete, Al-Saadi al-Gadhafi, der international bisher vor allem als Spieler bei italienischen Fußballvereinen tätig war, wolle in Bengasi einen Aktionsplan zur Verbesserung der Infrastruktur umsetzen. Die Zahl der Toten nach den Aufständen in Bengasi wurde mit 10 bis 14 angegeben.

Auf Amateurvideos, die von Demonstranten ins Netz gestellt wurden, waren mehrere Leichen junger Männer zu sehen. Andere Aufnahmen zeigten Hunderte Demonstranten, die in der Mittelmeerstadt Tobruk ein Denkmal für das von Gadhafi verfasste Grüne Buch niederrissen, in dem der Revolutionsführer einst sein politisches Programm formuliert hatte.

Gadhafi ließ sich in der Nacht zum Freitag von Anhängern in Tripolis feiern. Auf dem zentralen Grünen Platz zeigte er sich gegen 3.00 Uhr der Menge. Eine Rede vor den Demonstranten hielt er nicht. In mehreren libyschen Städten waren Gadhafi-Gegner am Donnerstag einem Aufruf zu einem "Tag des Zorns" gefolgt. Sie zerstörten die in Libyen allgegenwärtigen Bilder des seit 1969 amtierenden Staatschefs.

In den von Gadhafis Sohn Seif al-Din al-Gadhafi gegründeten semi-unabhängigen Medien wurde zumindest eingeschränkt über die Proteste berichtet. Die Zeitung Qurina meldete, in Bengasi seien am Donnerstagabend sieben Zivilisten getötet worden, nachdem Demonstranten mehrere öffentliche Gebäude beschädigt hätten. Die Zeitung ließ auch einen Anwalt zu Wort kommen, der zusammen mit anderen Anwälten vor einem Justizgebäude in Bengasi gegen Korruption und für politische Reformen demonstriert hatte. Dieser sagte nach Angaben des Blattes: "Wir haben das Recht, unsere Meinung zu äußern, schließlich leben wir doch in einem Land, in dem alle Macht vom Volke ausgehen soll." Die Staatsmedien berichteten nur über die Pro-Gadhafi-Kundgebungen der vergangenen Tage.