Ägypten schreibt Weltgeschichte. Der Millionen-Jubel auf dem Tahrir-Platz zog am Ende den ganzen Globus mit in seinen Bann. Das Volk am Nil hat den Pharao besiegt , mit geradezu übermenschlicher Anstrengung das Joch der Diktatur abgeschüttelt. Tunesien war das erste schwere Donnergrollen , Ägypten jetzt der politische Vulkanausbruch im Zentrum der arabischen Welt.

Denn jeder vierte Araber lebt am Nil, die Hauptstadt Kairo ist die einzige Weltmetropole in der Region. Sein demografisches Gewicht, aber auch sein kulturelles und intellektuelles Potenzial macht das Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern zum Gravitationszentrum unter den Nationen des Nahen und Mittleren Ostens. Und so steht der gesamte Orient jetzt vor einer historischen Zeitenwende . Er erlebt seinen eigenen Fall der Mauer – einer Mauer aus Machtmissbrauch und Polizeiterror, aus Ignoranz und erzwungener politischer Unmündigkeit. Keines der Regime kann sich diesem Sog mehr entziehen. Selbst im Iran werden die Menschen bald einen neuen Anlauf versuchen. Ob in Algerien, Libyen, Palästina, Jordanien, Syrien oder Jemen – überall gärt es.

Auch in den reichen Ölstaaten am Golf haben es die Menschen satt, sich von korrupten Herrschern und selbstherrlichen Autokraten weiter gängeln zu lassen. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, die Frauen sich nicht länger wie Wesen zweiter Klasse behandeln lassen. Die Menschen glauben nicht mehr an die Reformfähigkeit ihrer Langzeitregime. Sie wollen einen Schlussstrich und Neuanfang – mit einer Zukunft in Freiheit für sich und ihre Kinder.

Zum ersten Mal nun haben Millionen am Nil am eigenen Leib erfahren, was Freiheit, Würde und Solidarität bedeuten. Und sie genossen die ersten Züge eines Lebens ohne Angst und ohne Willkür. Das Land gehört uns allen, riefen sie auf ihren Protestzügen. Und sie haben es sich zurückerobert, mit Opferwillen und Mut, mit Disziplin und Klugheit, mit Humor und Charme. Bürgerwehren vertrieben in vorbildlichem Nachbarschaftsgeist die nächtlichen Plünderer des Regimes aus ihren Vierteln. Mubaraks Söldnerhorden mit ihren Pferden und Kamelen konnten den Demonstranten nicht den Schneid abkaufen. Und die Hetzkampagnen der staatlichen Medien blieben ohne breites Echo.

Ägypten selbst hat sich in den 18 Tagen seines Volksaufstands ganz neu erfahren. Ein Land, dessen Bevölkerung normalerweise nicht einmal geordnet in eine Metro einsteigen kann, stand plötzlich geduldig und ohne Drängeln Schlange an den Kontrollen vor dem Tahrir-Platz, mit denen die Aktivisten die Provokateure des Regimes abfangen wollten. Zahllose Ärzte und Krankenschwestern ließen zuhause alles stehen und liegen. Tag und Nacht versorgten sie unter Plastikplanen Verwundete und schliefen irgendwo auf den Bürgersteigen. Hunderte trugen den Müll zusammen, tausende schleppten täglich Kartons mit Essen und Trinken herbei. Und nach der großen Siegesparty packten die meisten am Wochenende mit an, um Barrikaden und Steinhaufen von dem Schlachtfeld der Revolution wegzuräumen. Plötzlich fühlen sich die Leute mitverantwortlich für das Aussehen ihrer Stadt. Zum ersten Mal sehen sich die Ägypter als aktive Bürger ihres eigenen Landes und nicht als amorphe Masse von Untertanen.

Trotzdem – der Weg zu Demokratie und einer pluralen Zivilgesellschaft bleibt lang und steinig. Noch hält das Militär die Schrauben fest angezogen . Noch zeichnet sich keine Übergangsregierung ab, noch ist die Gefahr eines Putsches in Zeitlupe nicht gebannt. Denn die Oppositionsparteien sind schwach und zerstritten. Und die meisten der jungen Facebook-Aktivisten haben keine politischen Karriereträume. Sie wollen zurück an die Universität oder in ihre Berufe.

Zwar hat der Oberste Rat der Armee in seinen ersten dürren Kommuniqués freie Wahlen, Verfassungsänderungen und einen Weg zur Demokratie versprochen. Doch Skepsis bleibt geboten. Schließlich sind die neuen Machthaber nichts anderes als ein Kreis von Wendehälsen in Uniform. Alle Generäle verdanken ihre Karriere bedingungsloser Treue zu Hosni Mubarak und seinem Regime. Viele von ihnen sind durch ihre unmilitärischen Nebengeschäfte zu Wohlstand gekommen. Sie haben ähnlich viel zu verlieren wie die lange Riege der übrigen Günstlinge in Partei, Wirtschaft und Polizei. Das ägyptische Volk hat mit seinen Tagen des Zorns das Tor in eine neue Zukunft weit aufgestoßen. Hoffentlich wird es sich die Früchte des Zorns jetzt nicht aus der Hand nehmen lassen.