Der Plädoyers um die Rolle von Charles Taylor im Bürgerkrieg in Sierra Leone haben turbulent begonnen: Taylors Anwalt Courtenay Griffiths hatte sich am Morgen vergeblich bemüht, eine von der Verteidigung zusammengestellte Analyse des Prozessverlaufs seit 2006 offiziell in das Verfahren vor dem Sondertribunal in Den Haag einzubringen. Dafür sei es zu spät, da die Beweisaufnahme geschlossen sei, beschied Richterin Teresa Doherty aus Nordirland. Daraufhin stürmte Griffiths wutschnaubend aus dem Saal.

Mit der Analyse wollte er zeigen, dass die USA und Großbritannien versucht hätten, den Prozess zu beeinflussen. Sie wollten eine Verurteilung Taylors erreichen, damit er nicht nach Liberia zurückkehren könne, erläuterte der Anwalt. Er stützte sich auf Berichte von Diplomaten beider Länder, die Wikileaks veröffentlicht hatte. Die diplomatische Korrespondenz beweise, dass gegen Taylor ein "politischer Prozess" inszeniert worden sei, sagte er.

Die Staatsanwaltschaft wirft Taylor vor, er habe den blutigen Bürgerkrieg in seinem Nachbarland Sierra Leone aus Gier nach Diamanten geschürt. Chefanklägerin Brenda Hollis beschrieb den Angeklagten als skrupellosen Hauptprofiteur des Krieges in Sierra Leone. Sie warf ihm vor, die blutrünstige Rebellentruppe Revolutionäre Vereinigte Front (RUF) erschaffen, gesteuert und nach Sierra Leone geschickt zu haben.

Für Waffenlieferungen habe er sich mit großen Mengen von Rohdiamanten bezahlen lassen, die in Sklavenarbeit gefördert worden seien. "Charles Taylor trägt die größte Verantwortung für die furchtbaren Verbrechen, die dort begangen wurden", sagte die Juristin aus den USA. Die Staatsanwaltschaft schilderte, wie die RUF – angeblich mit Billigung Taylors – Dorfbewohner massakrierte, unzähligen Menschen Gliedmaßen abhackte, Mädchen zu Sexsklavinnen machten und Teenager zwangsweise und mithilfe von Drogen zum Morden zwang. "Brennt alles nieder, tötet alle", hieß es in Befehlen von RUF-Kommandeuren, die im Saal verlesen wurden. Zahlreiche Zeugen hatten zuvor ähnliches geschildert.

Im Bürgerkrieg in Sierra Leone waren nach UN-Schätzungen bis Ende 2001 mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der elegant gekleidete 62-jährige Angeklagte hörte mit einer dunklen Sonnenbrille vor den Augen scheinbar regungslos zu. Nach der ersten Pause blieb er in seiner Zelle. Er habe den Saal eher verlassen wollen, es aber "nicht allein mit drei Wachleuten aufnehmen" können, sagte Taylors Verteidiger.

Taylor hat in dem Verfahren, das im April 2006 eröffnet worden war, die Vorwürfe als "Sammlung teuflischer Lügen" bezeichnet. Der Ex-Präsident wies auch den Vorwurf zurück, wonach er dem britischen Supermodel Naomi Campbell Rohdiamanten geschenkt hat. Der Anwalt des Angeklagten boykottierte das Schlussplädoyer der Staatsanwaltschaft. Taylor weigerte sich nach der ersten Pause, in den Saal zurückzukehren. Im Falle einer Verurteilung wäre er der erste afrikanische Ex-Staatschef, der von einem internationalen Gericht eine Strafe erhält. Das Schlussplädoyer der Verteidigung steht für Mittwoch an.