Just einen Tag, bevor ein Tsunami Japan an den Rand einer Atomkatastrophe führte, beschwerte sich in Washington der republikanische Abgeordnete Fred Upton über die allzu lange Bauzeit amerikanischer Kernkraftwerke . "Warum brauchen wir dafür zehn bis zwölf Jahre, Franzosen und Japaner aber nur vier bis fünf?" fragte er empört. "Wir wollen mal sehen, ob wir das nicht ändern können."

Doch egal wie verheerend das japanische Unglück am Ende sein wird, eines steht bereits fest: Die Genehmigungsverfahren und Bauzeiten werden jetzt noch länger dauern. Selbst Joe Lieberman, unabhängiger Senator aus Connecticut und eine gewichtige Stimme der Atomkraft, sagt: "Das ist ein Weckruf. Er sollte uns nicht davon abhalten, weiter AKW zu bauen, aber er sollte uns die Bremse treten lassen, bis wir wirklich verstanden haben, was dort in Japan passiert ist."

Die Nachrichten aus dem brennenden Kernkraftwerk Fukushima-1 (Daiichi) wecken in Amerika böse Erinnerungen. Fast auf den Tag genau vor 32 Jahren, am 28. März 1979, steuerte das AKW Three Mile Island nahe der Stadt Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania auf eine atomare Katastrophe zu . Auch damals behaupteten die Verantwortlichen, der Zwischenfall sei halb so schlimm und sie hätten alles im Griff. Fünf Tage hielten sie Amerika im Ungewissen. Mehr als 100.000 Menschen verließen fluchtartig die Gegend. Es war großes Glück, dass der GAU vermieden werden konnte. Es dauerte 14 Jahre, um den verstrahlten Reaktor abzubauen und zu dekontaminieren. Die Schadensbeseitigung kostete fast eine Milliarde Dollar.

Der Unfall von Three Mile Island war der erste Wendepunkt, der GAU von Tschernobyl sieben Jahre später der zweite. Striktere Regeln wurden erlassen, die 1974 gegründete Atomare Regulierungsbehörde NRC erhielt mehr Befugnisse, 51 bereits erteilte Genehmigungen wurden wieder zurückgezogen, die amerikanische Atomkraftindustrie war auf der Verliererseite. Auch weil sie die Endlagerung des nuklearen Abfalls nie wirklich zufriedenstellend klären konnte. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 weckte erneut die Angst vor einem atomaren Desaster. Wieder wurden die Sicherheitsregeln für AKW verschärft. Banken und Investoren verloren endgültig die Lust an einem Engagement in der Kernkraft. Die Finanzierung schien ihnen zu teuer und zu riskant.

Doch der raue Wettkampf um die knappen Öl- und Gasressourcen, die politischen Krisen im Mittleren Osten und die bedrohliche Erderwärmung führten in den vergangenen fünf Jahren zu einer Renaissance der sauberen Kernkraft. Sogar einige Umweltverbände lenkten ein. Zudem ließen ein schweres Unglück in einem Kohlebergwerk von West Virginia mit vielen Toten und die Ölverseuchung des Golfes von Mexiko nach der Explosion einer Bohrinsel die Risiken der Atomkraft plötzlich vergleichsweise fern und harmlos erscheinen.

Die Republikaner und auch etliche Demokraten drängten auf den Bau neuer AKW. Auch Barack Obama glaubt an die Zukunft des Nuklearstroms, er ist wichtiger Teil seines Energiemix. Obamas Atomplan: Mindestens ein Dutzend schon betagte Reaktoren sollen eine Laufzeitverlängerung erhalten. Fünf neue sind bereits im Bau, in Tennessee wird kommendes Jahr der erste ans Netz gehen. Rund 36 Milliarden Dollar hat der Präsident in seinem Budget für die Atomenergie vorgesehen, meist als Darlehen für den Bau von mindestens zwanzig neuen AKW bis 2020. Obamas Energieminister Steven Chu ist der oberste Verfechter dieser Technologie .

Gegenwärtig produzieren 42 Kraftwerke mit insgesamt 104 Atomreaktoren zwanzig Prozent des amerikanischen Stroms. Chu will diesen Anteil radikal erhöhen. Mitte dieser Woche wollte der Minister dem Kongress seine Vision einer blühenden Atomenergie schmackhaft machen. Doch der Tsunami hat die freundliche Zustimmung gedämpft, einige fordern bereits ein Moratorium für neue AKW. Chu muss sich Fragen nach der Sicherheit und den verantwortbaren Risiken stellen. 31 amerikanische Kraftwerke folgen dem Bautyp der japanischen AKW. Auf dem Prüfstand aber stehen vor allem Diablo Canyon und San Onofre, jene zwei Kraftwerke, die in Kalifornien in eine besonders erdbebengefährdete Gegend gesetzt wurden.