Vor einem Vierteljahrhundert haben zwei ZEIT-Leute den libyschen Diktator Muammar al-Gadhafi in seinem legendären Wüstenzelt interviewt: der damalige Chefredakteur Theo Sommer und der Magazin-Chef Jochen Steinmayr. Gadhafi gab eigentlich keine Interviews, doch der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky, ein Freund der ZEIT, der sich damals bemühte, dem erratischen Obristen Manieren und Realismus beizubringen, hatte ihm eine Zusage abgerungen.

Als Sommer und Steinmayr nach Libyen flogen, lag der aus Tripolis gesteuerte Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle , der zwei amerikanische Soldaten das Leben kostete und 28 weiteren schwere Verletzungen zufügte, erst knapp acht Monate zurück. US-Präsident Ronald Reagan hatte darauf mit einem Bombenangriff auf Gadhafis Hauptquartier geantwortet. Bei dem Vergeltungsschlag gegen den Mann, den Reagan einen "mad dog " nannte, verwüsteten zwei 500-Pfund-Bomben die Villa des Diktators. Den Besuchern wurden empört das zerstörte Schlafzimmer und das zerbombte Kinderzimmer gezeigt.

Den beiden ZEIT-Journalisten zeigte Gadhafi sich als wirrer Ideologe. In aller Breite erklärte er seine wahnhafte "Universaltheorie", seiner Rechnung zufolge die dritte nach Kapitalismus und Kommunismus. Wortreich verteidigte er seine Verwicklung in den Bürgerkrieg im benachbarten Tschad; unverfroren leugnete er er seine Unterstützung terroristischer Gruppen in Europa.

Wir veröffentlichen nachfolgend das Interview (sowie hier Sommers und Steinmayrs begleitende Artikel in der damaligen ZEIT-Ausgabe) noch einmal. Die Texte zeigen, dass der libysche Diktator, der den Westen zwanzig Jahre mit der Vortäuschung von Friedfertigkeit und Verträglichkeit an der Nase herumführte, sich seit 1986 nicht im Geringsten geändert hat. Er war und bleibt ein brutaler Gewaltherrscher.

Das Interview mit Muammar al-Gadhafi
Erschienen in der ZEIT vom 28. November 1986 unter der Überschrift "Und morgen die ganze Welt..."

ZEIT: Herr Oberst, die Welt begreift Sie nicht immer. Wir möchten Sie gern besser verstehen. Eines der wichtigsten Ereignisse dieses Jahres war der amerikanische Bombenangriff auf Tripolis und Benghasi. Welche Auswirkungen hatte dies Ereignis? Wie haben Sie selber den Tag und die Nacht des Bombardements verlebt?

Ghaddafi: Von der heutigen Warte aus kann ich sagen: Die beschämende Lage, in der sich Reagan und seine Bande jetzt befinden, begann genau in jener Nacht der Aggression. Das birgt natürlich eine Lehre für die ganze Welt. Sie lautet: Wenn man solche Methoden gebraucht, dann endet es immer so. Das Ende Hitlers war auch eine Tragödie wegen seiner Methoden; das Ende Mussolinis ebenfalls. Der Zionismus wird genauso tragisch enden, weil er dieselben Methoden anwendet. Jeder vernünftige Mensch würde von solchen Methoden absehen, weil sie immer im Unglück enden.

ZEIT: Worin sehen Sie die Tragik in Präsident Reagans Situation?

Ghaddafi: Die jetzige Lage Reagans ist nicht zu vergleichen mit der eines normalen Menschen, geschweige denn der eines Staatsmannes. Seine Lage ist miserabel. Wenn er gestorben wäre, wäre es besser für ihn.

ZEIT: Das ist ein sehr subjektives Urteil. In Amerika und in Europa wird dies nicht überall so gesehen.

Ghaddafi: Wie viele Tage sind Sie schon hier?

ZEIT: Vier.

Ghaddafi: Vielleicht sind Sie isoliert von den Weltnachrichten.

ZEIT: Wir haben in den letzten drei Tagen nichts gehört. Was gibt es?

Ghaddafi: Ich teile Ihnen jetzt nicht persönliche Urteile mit, sondern Tatsachen. Der frühere Sicherheitsberater McFarlane hat gestern die Fakten auf den Tisch gelegt. Er hat alles erklärt. Er sagte, Reagan sei wie ein Kind, er sei nicht reif. Er hat sogar gesagt, Reagan kenne die amerikanischen Gesetze nicht. Er ist nicht fähig und nicht wert, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein. Außenminister Shultz hat geleugnet, daß er irgend etwas von der Iran Geschichte gewußt habe. Es ist ihm aber nachgewiesen worden, daß er doch Bescheid wußte. Die beiden Parteien, die Republikaner und die Demokraten, sind ebenfalls gegen Reagan. Und sie haben ihm gesagt: Der Angriff auf Libyen war ein Fehler. Sie haben ihm gesagt, er habe sich auf gefährliche Dinge eingelassen, ohne zu wissen, was er tat.

Das komplette Interview lesen Sie hier .