Es ist schon ein merkwürdiges Schauspiel: Das demokratische Israel fürchtet die Ausbreitung der Demokratie in der arabischen Welt. Mit den Despoten wusste man umzugehen; sie hatten kein Interesse an einem unabhängigen Palästina. Israels Regierungen konnten auf Zeit spielen, sogar den Erz-Verbündeten Amerika brüskieren und im Westjordanland die Siedlungen weiter ausbauen. 

Jetzt aber entstehen in Ägypten und Tunesien neue, von der eigenen Bevölkerung getragene Regierungen. Und selbst dort, wo autoritäre Regime  in der arabischen Welt ihre Macht noch halten können, werden sie dem Volkswillen weiter entgegenkommen müssen als bisher.

Aber anstatt nun die Initiative für ein neues Verhältnis zu den Nachbarn zu ergreifen und den Palästinensern endlich ein faires Verhandlungsangebot zu machen, scheint Israels Führung es darauf anzulegen, Nachbarn und Freunde gleichermaßen vor den Kopf zu stoßen. Der mörderische Anschlag gegen eine Siedlerfamilie am 12. März, den nun auch Palästinenser-Präsident Abbas klar verurteilt hat, wird zum Vorwand, den Ausbau illegaler Siedlungen um weitere 400 Häuser zu  genehmigen. 

Zwar hat Israels Premier Netanjahu angekündigt, drei von der Regierung nicht ausdrücklich erlaubte Siedlungen bis Jahresende zu räumen, aber verglichen mit der Gesamtzahl solcher Siedlungen, dem weiteren Ausbau anderer und der gezielten Zerstörung palästinensischer Häuser, fällt das nicht ins Gewicht. Auch sein neuer 'Friedensplan', den Netanjahu bereits Kanzlerin Merkel für die nächsten Wochen angekündigt hat, wird nach Einschätzungen in Jerusalem nur ein Verschieben der diplomatischen Kulissen vorsehen. Mut zu ernsthaften Verhandlungen sieht anders aus.

Dabei müsste inzwischen jedem in Israel offenkundig sein: Wer mit solchen Halbheiten Zeit gewinnen will, verliert sie nur. Der Harvard-Professor Stephen Walt hat schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass die verbreitete Vorstellung, die Israelis seien hochbegabte Strategen, in der Politik nichts als ein Mythos ist.

Wann immer es, wie im Oslo-Prozess , eine Chance für die Überwindung des Konflikts um Palästina gab, zog Israel es vor, sie zu torpedieren. Seit 1967 machte seine Führung ihre Politik im Westjordanland und damit gegenüber den Palästinensern zur Geisel radikaler Siedler. Und selbst wenn die Palästinenser, wie im Januar durchsickerte, weitgehende Konzessionen anboten, wies die israelische Seite sie barsch zurück.

Im Laufe der Jahre hat sich in der öffentlichen Meinung des Landes die Auffassung verfestigt, der Status quo sei für Israel die beste Lösung, alles andere sei zu riskant. Das mochte hingehen, solange auch bei den Nachbarn die Machtverhältnisse eingefroren schienen. Nun aber stürzen Bürger in Arabien ihre Herrscher  und verändern den regionalen Status quo. Ist es undenkbar, dass die in den besetzten Gebieten drangsalierten Palästinenser es ihnen nachtun? Und bliebe dann Israel nichts anderes übrig, als es dem Oberst Gadhafi nachzutun?

Wie viele auch in Israel selbst, habe ich lange gehofft, Druck des Westens, vor allem jener der USA, könnte Israel und Palästinenser zu einer sinnvollen Zwei-Staaten-Lösung bringen. Barak Obama hatte zwar die Absicht, jedoch nicht die politische Kraft dazu. Nun aber kommt der Druck nicht von einer anderen Regierung, sondern von den Umwälzungen in der arabischen Welt.

Leider werden Israels derzeit Verantwortliche sie nicht als Anstoß für ein Umdenken nehmen, sondern sie solange verniedlichen, bis das Land in der Region und der Welt vollends isoliert ist. Armes Israel!