In Libyen ist der Kampf zwischen zwischen Regierungsgegnern und Anhängern von Machthaber Muammar el Gadhafi noch nicht entschieden – Ursache für eine "humanitäre Flüchtlingskatastrophe" an den Grenzen des Landes. So nannte es Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) und mahnte angesichts von mehr als 150.000 Flüchtlingen ein entschlossenes Handeln der internationalen Gemeinschaft an.

Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) appellierte an die Weltgemeinschaft. An der libysch-tunesischen Grenze warteten derzeit Menschenmassen auf einer Fläche von der Größe mehrerer Fußballfelder "in eisiger Kälte" auf eine Weiterreise, sagte UNHCR-Sprecherin Sybella Wilkes. Das Ausland müsse Hunderte Flugzeuge entsenden, um diese Menschen zu retten. Viele von ihnen seien ausländische Gastarbeiter in Libyen gewesen.

An der Grenze zu Ägypten, wohin nach Wilkes' Angaben bislang knapp 80.000 Menschen geflohen sind, sei die Lage etwas entspannter als in Tunesien, weil die Menschen dort auf verschiedene Städte aufgeteilt worden seien. In einem Aufnahmelager an der Grenze befänden sich nur etwa 3000 Menschen. Die Lage an der libysch-tunesischen Grenze aber sei "ausgesprochen chaotisch", sagte die UNHCR-Sprecherin. In Tunesien sei das Verkehrssystem hingegen völlig zusammengebrochen, weshalb sich viele Flüchtlinge an der Grenze stauten. Viele hätten "drei oder vier Nächte draußen im Regen" verbracht.

Wilkes' Kollegin Melissa Fleming berichtete von einem besonderen Problem: Vor allem Menschen aus Schwarzafrika würden von den Grenzbehörden oft nicht nach Tunesien gelassen. "Wir sind sehr besorgt darüber, dass dabei Rassismus ein Faktor sein könnte." Das weiterhin geöffnete UNHCR-Büro in Tripolis habe verzweifelte Anrufe von Menschen erhalten, die nicht aus Libyen herauskämen. Afrikaner seien "besonders verängstigt". Die UNHCR-Sprecherin las dazu eine Mitteilung an das Flüchtlingswerk vor: "Wir werden von örtlichen Leuten angegriffen, weil sie sagen, dass wir Söldner sind", hieß es darin. Fleming forderte, den Flüchtlingen müsse ohne Diskriminierung der Übertritt der Grenze erlaubt werden. "Jeder, der fliehen muss, sollte in der Lage sein zu fliehen."

Nur langsam beginnt die internationale Hilfe. So bemüht sich das UNHCR derzeit, Zelte an der Grenzregion aufzubauen. Rund 500 wurden am Dienstag errichtet, weitere 1000 im Laufe des Mittwochs. Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen flog inzwischen rund 80 Tonnen Lebensmittel nach Tunesien. Eine UN-Sprecherin bat Libyens Nachbarländer, die Grenzen offen zu halten, damit Verfolgte des Gadhafi-Regimes entkommen könnten. Es gebe Berichte über bis zu 2000 Tote in Tripolis, es existierten "grauenhafte Bilder" aus der Hauptstadt.

Als eine der ersten Maßnahme verdreifachte die Europäische Union die Soforthilfe für Flüchtlinge aus Libyen auf zehn Millionen Euro. Das Geld werde unter anderem für medizinische Geräte, Zelte und Matratzen eingesetzt. Zudem hat die EU ihr Krisenzentrum für den Katastrophenschutz (MIC) alarmiert, das die Hilfe der Mitgliedsstaaten koordiniert. Bislang hatte das Zentrum sich darum gekümmert, europäische Staatsbürger aus dem Land zu bringen.

"Die Lage erfordert eine Antwort der internationalen Gemeinschaft", sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und sprach von einer "humanitären Tragödie". Zugleich kündigte er an, die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe und Krisenreaktion, Kristalina Georgieva, werde am Mittwoch in die Region reisen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.