Während sich die Aufständischen und die Gadhafi-Anhänger im Osten des Landes bekämpfen, ließ sich Machthaber Muammar al-Gadhafi in Tripolis blicken. Gadhafi wirkte gelöst, zufrieden und reckte die Fäuste in die Luft, während seine Anhänger "Gott, Muammar, Libyen und sonst nichts" und "Du wirst immer ein Großer bleiben" riefen. In einer vom Staatsfernsehen übertragenden Rede wiederholte der Machthaber, dass er bereit sei, "bis zum letzten Mann und bis zur letzten Frau zu kämpfen".

Der 68-Jährige machte abermals das Terrornetzwerk al-Qaida für die Revolte in seinem Land verantwortlich, bestritt aber gleichzeitig, dass es überhaupt Demonstrationen und Probleme in seinem Land gebe. Dann wiederum drohte er mit "Tausenden Todesopfern", sollte das Ausland militärisch in seinem Land eingreifen. "Tausende Libyer werden sterben, wenn Amerika oder die Nato intervenieren", sagte er.

Die Widersprüchlichkeit in seinen Äußerungen setzte sich im weiteren Verlauf seiner Rede fort. So rief er einerseits die Vereinten Nationen auf, die Lage in seinem Land zu untersuchen sowie die Umstände aufzuklären, "unter denen Zivilisten und Polizisten gestorben sind". Andererseits sprach Gadhafi verschwurbelt von einer Verschwörung des Auslands und vor allem der ausländischen Medien, die sich zum Ziel gesetzt habe, das libysche Öl zu stehlen.

Auch über seine eigene finanzielle Situation machte der Staatschef gegensätzliche Angaben. So behauptete er in der Ansprache, er besitze gar kein Vermögen und würde nur 275 Euro im Monat verdienen. Dann wiederum bezeichnete er das Einfrieren seines Vermögens im Ausland als "Diebstahl".

Während der gesamten, mehrstündigen Rede sprach Gadhafi von sich selbst in der dritten Person und nannte sich "der Führer". Zugleich bekräftigte er, in Libyen habe in Wahrheit nicht er selbst, sondern das Volk die Macht. "Bereits seit 1977 übt das Volk die Macht aus", sagte er bei der Zeremonie zum Gedenken an die von ihm selbst ausgerufene "Herrschaft der Massen" vor 34 Jahren. "Die Welt muss diese Wahrheit verstehen: Es ist kein Platz für einen Präsidenten, einen König oder einen Anführer in unserem System", fügte er hinzu. Er selbst habe sich seit dem damaligen Umsturz in sein "Zelt" zurückgezogen.

Seine Milizen machen sich unterdessen daran, die verlorene Kontrolle über die östlichen Landesteile zurückzugewinnen. Nach Angaben von Offizieren der Aufständischen haben die Gadhafi-treuen Truppen die dort gelegene Stadt Marsa el-Brega zurückerobert. Bei den heftigen Kämpfen, so berichtet es der Nachrichtensender Al Arabija, seien 14 Menschen gestorben, als libysche Streitkräfte die Stadt wahllos bombardiert hätten. 

Über die Lage in der Stadt und auch in anderen Gebieten im Osten Libyens gibt es allerdings widersprüchliche Angaben. Ausländische Reporter können sich nur schwer einen Überblick verschaffen, die Kommunikationswege in dem riesigen Land sind teils unterbrochen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von Zeugen, nach denen die libysche Luftwaffe neue Angriffe in Brega geflogen hat. Eine Bombe sei in der Nähe des Ölterminals explodiert. Neuesten Meldungen zufolge hat der oppositionelle libysche Nationalrat in Bengasi die UN aufgefordert, Luftschläge auf Söldnertruppen zu erlauben, die Gadhafi unterstützen. Der Rat spricht sich aber gegen ausländische Interventionstruppen auf libyschem Boden aus.

Innerhalb der internationalen Gemeinschaft wurde bislang sehr zurückhaltend über einen solchen Einsatz diskutiert. Ein militärisches Eingreifen in Libyen hielt beispielsweise US-Verteidigungsminister Robert Gates für kaum möglich. Es gebe keine Übereinkunft mit der Nato über einen Einsatz von Militär, sagte er. Die USA wollten nicht in einen Krieg im Nahen Osten ziehen. Der Pentagonchef bekräftigte zwar, dass die USA eine Reihe von Militäroptionen prüften. Es sei aber noch keine Entscheidung gefallen. Alle Optionen über humanitäre Maßnahmen und Evakuierungen hinaus seien sehr komplex. Selbst die Einrichtung einer Flugverbotszone wäre mit großem Aufwand verbunden, der zwangsläufig zu militärischen Operationen führen könne.

Inzwischen nahm der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) offizielle Ermittlungen gegen den Gadhafi-Clan wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf. Die Prüfung der vorliegender Informationen habe ergeben, dass die Verfolgung mutmaßlicher Verbrechen in Libyen, die in die Zuständigkeit des IStGH fallen, gerechtfertigt sei, teilte Chefankläger Luis Moreno-Ocampo mit.