Die libysche Hauptstadt Tripolis ist in der Nacht und am frühen Morgen erneut Ziel von Luftangriffen der internationalen Allianz gewesen, die damit das von den UN beschlossene Flugverbot durchsetzen will. Schwere Explosionen gab es im Stadtteil Tadschura sowie im Süden und Südosten der Stadt. Auf Bildern, die das libysche Fernsehen zeigte, waren brennende Gebäude und zerstörte Militärfahrzeuge zu sehen. Der Sender Al Jazeera zeigte Luftabwehrfeuer der Regimetruppen.

Ziel der Angriffe in Tadschura war offenbar ein Militärstützpunkt. Der amtlichen Nachrichtenagentur Dschana zufolge flog das von den USA, Frankreich und Großbritannien angeführte Kriegsbündnis drei Angriffe. Dabei sei auch ein Wohnviertel getroffen worden. Es gebe "eine beträchtliche Zahl von getöteten Zivilisten", hieß es unter Berufung auf libysche Armeekreise. Die Allianz habe die Angriffe zu einer Zeit geflogen, als in dem Viertel bereits Rettungskräfte im Einsatz gewesen seien.

Damit wirft das Regime von Machthaber Muammar al-Gadhafi der internationalen Koalition erneut vor, bei den Angriffen keine Rücksicht auf zivile Opfer zu nehmen. Westliche Korrespondenten in Tripolis konnten diese Behauptungen nicht bestätigen. Auch die Alliierten wiesen diese Anschuldigung zurück. Der Schutz von Zivilisten habe höchste Priorität, sagte US-Konteradmiral Gerard Hueber. Dies sei auch die Grundlage der Zielauswahl und der Angriffspläne.

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Hueber kündigte an, dass die internationale Koalition nun auch die Stellungen der Gadhafi-Einheiten bei Misarata und der ebenfalls heftig umkämpften Stadt Adschdabija verstärken will. In beiden Städten würden Regierungseinheiten die Bevölkerung massiv attackieren, um Rebellen auszuschalten. Gadhafis Bodentruppen unternähmen auch Angriffe "in einer Reihe" anderer Städte und brächten dadurch Zivilisten in "ernste Gefahr". Die Koalition konzentriere ihre Attacken unter anderem auf motorisierte Einheiten, Boden-Luft-Raketenstellungen und darauf, Kommunikationslinien zu kappen. Gadhafis Luftwaffe dagegen sei nicht mehr einsatzfähig.

Die Angaben des US-Admirals bestätigten Einwohner der Rebellenhochburg Misarata. Demnach bombardierten die Regimetruppen das Hauptkrankenhaus sowie weitere Gebäude. "Panzer kommen immer näher an das Krankenhaus heran und nehmen die Gegend unter Beschuss", sagte ein Arzt am Telefon, bevor die Leitung nach kurzer Zeit wieder unterbrochen war. 

Seit Tagen ist das Telefonnetz in der Stadt zerstört. Auch die Wasserversorgung ist zusammengebrochen, bis zu 70.000 Menschen haben kein Wasser mehr. Die Rebellen werfen der Regierung vor, ihre Stadt gezielt davon abgeschnitten zu haben. Die Führung in Tripolis wies das zurück. Es handle sich lediglich um ein technisches Problem, das von den Schäden durch die Kämpfe und Plünderungen verursacht worden sei.

Bisher leiten die USA, Frankreich und Großbritannien die Einsätze gegen Gadhafis Truppen in Eigenregie. In der Frage einer möglichen Führungsrolle der Nato bleibt die internationale Gemeinschaft gespalten. Auch bei einer weiteren Tagung konnten sich die Mitglieder des Verteidigungsbündnisses auf keine einheitliche Strategie einigen.

Frankreich, das die Nato-Strukturen nur "als Planungswerkzeug", nicht aber zur "politischen Führung" nutzen will, lud zusammen mit Großbritannien zu einer Libyen-Konferenz nach London. Alle an dem Zweckbündnis beteiligten Staaten seien dabei, sagte Frankreichs Außenminister Alain Juppé. Es gehe in London darum, die politische Führung der Militäraktionen festzulegen. "Das ist nicht die Nato, das ist diese Kontaktgruppe."