Frankreich beharrt auf der Führungsrolle, die USA wollen ihre abgeben, die Nato kann sich dazu nicht durchringen, wird aber beispielsweise von Italien und Dänemark dazu gedrängt: Die internationale Gemeinschaft zeigt sich angesichts der Militäraktion in Libyen überaus zerstritten. Die Luftangriffe auf Stellungen des libyschen Machthabers Muammar al-Gadhafi werden dennoch ungerührt fortgesetzt – sehr zur Missbilligung der arabischen Staaten.

Nun hat das Nato-Land Türkei seine Position erneut deutlich gemacht: Eine  Beteiligung des Verteidigungsbündnisses an der laufenden Intervention sei nur möglich, wenn es eine Führung durch die Vereinten Nationen gebe. Mit diesen Worten wird Außenminister Ahmet Davutoglu in türkischen Medien zitiert. "Der Libyen-Einsatz sollte überhaupt unter dem Dach der UN ausgeführt werden. Die UN sollten die Entscheidungen treffen." Davutoglu habe hinzugefügt: Dann stehe es ja einzelnen Staaten frei, sich an dem Einsatz zu beteiligen.

In den Augen der chinesischen Führung sollte die Kämpfe in Libyen gänzlich eingestellt werden. Die Volksrepublik lehne die Anwendung von Gewalt ab, die zu zivilen Opfern und einer humanitären Krise in Libyen führen könnte, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu. "Wir rufen zu einer sofortigen Waffenruhe auf." Die Ministeriumssprecherin führte nicht weiter aus, ob sich die Forderung auf den internationalen Einsatz bezieht, auf die Kämpfe zwischen den Gadhafi-Truppen und den Aufständischen oder auf beides.

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Bei dem Libyen-Einsatz haben vor allem Frankreich, die USA und Großbritannien die Führung übernommen. Eine einheitliche Kommandostruktur gibt es allerdings nicht, nachdem sich die Nato bislang nicht zu einem entsprechenden Mandat durchringen konnte. Dies will vor allem die Regierung in Washington ändern, wie US-Präsident Barack Obama erneut bekräftigte. "Die Nato wird in koordinierender Funktion eingebunden sein", sagte er bei einem Besuch in Chile. Sein Land werde die Führungsrolle abgeben. "Und dies wird in Tagen und nicht in Wochen geschehen."

Die USA hatten diese Position bereits in den vergangenen Tagen deutlich gemacht. Sie befürchten eine noch größere Verstimmung unter ihren arabischen Verbündeten, die den Militäreinsatz größtenteils ablehnen. Als deren Interessenvertreter sieht sich wiederum die französische Regierung, die auch deshalb das Kommando nicht auf die Nato übertragen wird. Dies wiederum wird von anderen europäischen Staaten misstrauisch beäugt.

"Am Ende des Einsatzes könnte es zwei große Verlierer geben: Den gestürzten Diktator Gaddafi und die Nato", kritisierte der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, die Unentschlossenheit des Westens. Die Nato spiele eine sehr unglückliche Rolle, das Bündnis erweise sich als nicht handlungsfähig, sagte der 69-Jährige General a.D., der von 2002 bis 2005 Vorsitzender des Nato-Militärausschusses und damit höchster militärischer Repräsentant der Allianz war.

Ungeachtet der Unstimmigkeiten weitete die Militärallianz ihre Angriffe in Libyen aus, wo nach Angaben des britischen Premierministers David Cameron die Luftabwehr von Machthaber Gadhafi inzwischen weitgehend ausgeschaltet worden sei. Der arabische Sender Al Jazeera berichtete von Attacken auf Marine-Einrichtungen in Tripolis. Auch das staatliche Fernsehen berichtet über Angriffe der "feindlichen Kreuzfahrer" auf mehrere Stellen in Tripolis. Nach Angaben von Regierungssprecher Mussa Ibrahim trafen die internationalen Streitkräfte auch einen "kleinen Fischerhafen" westlich der Hauptstadt. Dortige Bewohner sagten indes, eine Kaserne in der Region sei angegriffen worden.

Ibrahim zufolge wurde auch die Wüstenstadt Sebha, eine Hochburg von Gadhafi, ins Visier genommen. Die Stadt werde "bedroht", bombardiert worden sei sie aber nicht, fügte der Regierungssprecher hinzu. Bei den Angriffen auf die anderen Städte habe es hingegen "zahlreiche zivile Opfer" gegeben. Sebha gilt als strategisch wichtiger Ort, da Gadhafis Stamm von dort stammt und sie zudem einen Militärflughafen beherbergt.

Zuvor war due libysche Führung mit einer diplomatischen Initiative gescheitert. Angesichts einer "äußeren Verschwörung" gegen die "große Republik" hatte Libyens Außenminister Mussa Kussa eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats wegen der "US-französisch-britischen Aggression" beantragt. Alle 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrats stimmten in einer nicht öffentlichen Sitzung aber dagegen. Der Rat wird sich nun erst am kommenden Donnerstag mit der Situation in dem Land befassen und dabei auch nicht einen Vertreter Libyens, sondern UN-Generalsekretär Ban Ki Moon anhören. Dieser will die Staatengemeinschaft in einem ersten Bericht zur Entwicklung der Lage seit dem Beschluss der UN-Resolution informieren.