Nach dem Einmarsch im Irak im Jahr 2003 gilt liberaler Interventionismus in den politischen wie medialen Klassen Europas und sogar Amerikas weithin als desavouriertes Konzept. Was sich als voreilig erweist. Zu Recht erinnerte Jack Straw, früherer britischer Außenminister unter Tony Blair, angesichts des "arabischen Frühlings" an eine selten erwähnte Tatsache: In der arabischen Welt ist einzig der Irak auf dem Weg zur Demokratie weit vorangekommen, hatte freie Wahlen mit hoher Beteiligung, trotz aller mörderischen Versuche von al-Qaida, den Weg zu demokratischen Verhältnissen durch Terror zu verhindern.

Dennoch: Derzeit drängt niemand danach, das Prinzip der Intervention wiederzubeleben . Die US-Regierung in Washington ließ den britischen Premier David Cameron, der sich als erster Regierungschef für eine Flugverbotszone über Libyen stark gemacht hatte, sogar erstaunlich barsch abblitzen.

Doch eine generelle Ablehnung ist kurzsichtig und realitätsblind. Wer wollte ernsthaft bestreiten, dass sich die Frage eines Eingreifens spätesten dann mit Macht stellen wird, wenn der libysche Diktator Muammar al-Gadhafi Massenmord am eigenen Volk verüben wird? Muss es erst ein Blutbad geben, um die Welt zum Handeln zu bewegen? Allen voran in Europa dürften dann viele selbstgerechte Stimmen zu vernehmen sein, die das Versagen des Westens lautstark beklagen, obwohl sie bis dahin jegliche Einmischung entschieden abgelehnt hatten.

Die Genozide von Ruanda und im zerfallenden Jugoslawien Anfang der neunziger Jahre werden heute zu Recht als Schandflecken empfunden, als Ausdruck des kollektiven Versagens der internationalen Völkergemeinschaft. Diese bittere Erfahrung müsste uns eigentlich eines Besseren belehrt haben: Wer Massaker und Genozid verhindern will, kann auf einen ethisch unterfütterten Interventionismus und der Anwendung militärischer Mittel nicht verzichten.

Deshalb tun Washington, London und Paris gut daran, sich für den Ernstfall zu rüsten. Es ist beruhigend zu wissen, dass in der Nato die Vorbereitungen für eine Flugverbotszone über Libyen bereits vorangetrieben werden, ohne dass man dies an die große Glocke hängt. Speak softly, but carry a big stick – Leise reden, aber einen großen Knüppel mit sich tragen – ist ein kluger Grundsatz.

Ghadafi erinnert an furchtbare historische Figuren, an Hitler und Pol Pot, die im Endkampf um die eigene Macht ihre eigenen Völker mit in den Abgrund nehmen wollten. Umso schlimmer, dass es derzeit danach ausschaut, als sitze Libyens Diktator wieder fester im Sattel. Die Kämpfe nehmen an Schärfe zu . Libyen droht in einem langen, blutigen Bürgerkrieg zu versinken. Je länger sich der Endkampf des Regimes hinzieht, desto größer aber die Gefahr eines Massakers.

Niemand reißt sich um die Einrichtung einer Flugverbotszone. Sie verlangt zwingend nach der Bombardierung von libyschen Luftabwehrstellungen; es würde dabei unweigerlich Todesopfer geben; Ghadafi erhielte die Chance, von einem "amerikanisch-zionistischen Komplott" zu faseln, eine Rhetorik, die in der arabischen Welt leider auf allzu offene Ohren stößt. Auch droht stets Mission Creep , die Gefahr also, noch tiefer in den Konflikt verwickelt und zur Entsendung von Bodentruppen genötigt zu werden.

Nicht zuletzt ist da die vertrackte Verquickung von Völkerrecht und handfesten, nationalen Interessen der fünf permanenten Mitglieder des Weltsicherheitsrates. Militärisches Eingreifen verlangt eine einstimmige Resolution unter Kapitel 7, eine Logik, der sich dann die USA und Nato beugen müssten. Was aber, wenn die libysche Opposition noch dringlicher als bislang um Hilfe und eine Flugverbotszone bittet, China und Russland aber bei ihrem Nein bleiben, weil sie das Nichteinmischungsprinzip aus eigenem Interesse hochhalten wollen? Erinnert sei an den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan, der schon 2002 darauf hingewiesen hatte, dass die 350 Jahre alte Doktrin der Unverletztlichkeit nationaler Souveränität durch die UN-Menschenrechtscharta eingeschränkt worden sei.

Der Westen könnte also bald gezwungen sein, Farbe zu bekennen. Er sollte sich dann für eine Intervention in Form einer Flugverbotszone entscheiden, vorangehen müsste bestenfalls eine entsprechende UN-Resolution. Wenn diese aber im Weltsicherheitsrat keine Mehrheit finden würde, dann müsste es notfalls auch ohne gehen, so wie im Fall des Kosovo im Jahr 1999. Anderenfalls bliebe man in Zukunft machtlos angesichts von Unrechtsregimen, die Beschwörung von Menschenrechten liefe auf wenig mehr als leere Worte hinaus.