Das libysche Staatsfernsehen zeigt die goldene Faust. Sie ist das Wahrzeichen von Muammar al-Gadhafis Palast in Tripolis. In der Einspielung zerdrückt sie ein US-Kampfflugzeug. Mit sich überschlagender Stimme droht der Despot der westlichen "Kreuzfahrer-Allianz" einen "langen, ausgedehnten Krieg" an. "Das gesamte Volk steht unter Waffen, unser Sieg ist gewiss", ruft der Gewaltherrscher in seiner bislang letzten, kurzen Audiobotschaft. "Wir haben keine Angst. Wir werden uns nicht vom Schlachtfeld zurückziehen, denn wir verteidigen unsere Erde und unsere Würde." Die Regierungen in Paris, London und Washington aber würden fallen "wie Hitler und Mussolini".

Schon während der ersten Stunden alliierter Luftangriffe auf Libyen hatte das Regime seine Getreuen zusammengetrommelt als menschliche Schutzschilde für Gadhafis Militärbasis Bab al-Azizia und für den zivilen Flughafen von Tripolis. An diesem Sonntagmorgen waren nahe der libyschen Hauptstadt schwere Explosionen sowie Luftabwehrfeuer zu hören, tagsüber herrschte gespannte Ruhe.

Am Nachmittag gab das Staatsfernsehen bekannt, an eine Million Libyer würden jetzt Waffen ausgegeben. Im Hafen nahmen Bewaffnete die Besatzung eines italienischen Schiffes als Geiseln. Derweil griffen Panzer Gadhafis erneut die 200 Kilometer entfernte Stadt Misrata an. Bewohner berichteten dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera, die Stadt stünde unter Dauerbeschuss. Wasser und Strom sind seit Tagen abgestellt, auf Dächern postierte Scharfschützen des Regimes zielen auf alles, was sich bewegt.

24 Stunden zuvor hatten französische, britische und amerikanische Kampfflugzeuge erstmals Militäreinrichtungen und -fahrzeuge in ganz Libyen bombardiert. 110 Cruise Missiles wurden auf Luftabwehrbatterien abgefeuert. Drei für Radar unsichtbare Stealth-Bomber griffen den besonders wichtigen Militärflughafen bei Tripolis an. 48 Menschen seien durch das alliierte Bombardement getötet und rund 150 verletzt worden, darunter viele Zivilisten, erklärte das libysche Staatsfernsehen und zeigte Bilder von Verwundeten aus Kliniken. Gleichzeitig stellten mit den arabischen Staaten Qatar und Vereinigte Arabische Emirate (VAE) am Sonntag erstmals auch arabische Nationen Kampfflugzeuge für die internationale Militärintervention bereit, der größten in der arabischen Region seit dem Irakkrieg 2003.

Noch am Samstag hatte Gadhafi versucht, mit massiven Angriffen auf die Bevölkerung in Bengasi die Hochburg der Rebellen im letzten Moment noch unter seine Kontrolle zu bringen. Stundenlang erschütterten Bombeneinschläge, Artilleriesalven und Schusswechsel die westlichen Bezirke der Stadt. Nach Augenzeugenberichten drangen Gadhafis Panzer in zahlreiche Wohngebiete vor, konnten aber nach erbitterten Straßenkämpfen wieder vor die Tore der Stadt zurückgedrängt werden.

Ärzten des Jalaa-Krankenhauses in Bengasi berichteten, mindestens 96 Menschen hätten ihr Leben verloren, Hunderte seien verletzt. Zahlreiche Häuser und Wohnungen wurden durch Panzergranaten beschädigt, empörte Bewohner inspizierten die Trümmer und beschimpften den Diktator als "Mörder" und "blutrünstigen Tyrannen". Die Telefonverbindungen in die mit 660.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Libyens blieben auch das gesamte Wochenende über gestört.