Bei der Beisetzung getöteter Regierungsgegner haben rund 20.000 Syrier in Sprechchören Freiheit und einen demokratischen Wandel gefordert. "Das Blut der Märtyrer ist nicht vergeblich vergossen worden", riefen sie nach Augenzeugenberichten in der südlichen Stadt Daraa. Hier wurden neun Demonstranten beerdigt, die am Vortag von Sicherheitskräften getötet worden waren, die die El-Omari-Moschee in Deera gestürmt hatten. Zudem hatten sie nach Angaben von Zeugen das Feuer auf Hunderte Jugendliche eröffnet, die mit einem Marsch gegen das harte Vorgehen protestiert hatten.

Bei dem gewaltsamen Vorgehen sind nach Angaben von Augenzeugen und Bürgerrechtlern mindestens hundert Menschen getötet worden. Ein Vertreter der Opposition sagte, es wurden mindestens 80 Menschen erschossen. Der Oppositionspolitiker, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, dass syrische Soldaten in Zivilkleidung in die Menschenmenge geschossen hätten.

Ein Behördensprecher sagte hingegen, es seien zehn Menschen getötet worden. Die Regierung hatte erklärt, die Sicherheitskräfte hätten auf Mitglieder einer "bewaffneten Bande" geschossen. Sie wirft den Demonstranten vor, die blutigen Zusammenstöße der vergangenen Tage provoziert zu haben.

Die El-Omari-Moschee in Daraa steht seit Tagen im Zentrum der syrischen Protestbewegung gegen die autoritäre Herrschaft von Staatschef Baschar al-Assad. Einige Demonstranten schlugen dort bereits Zelte auf, um ihren Protest gegen die Unterdrückung von Bürgerrechten dauerhaft fortzusetzen.

Der Prediger der Al-Omari-Moschee, Scheich Ahmed al-Sajasina, sagte, nach dem Blutbad sei nun wieder Ruhe in der Stadt eingekehrt. Daraa sei jedoch nach wie vor von der Armee umstellt. Die Menschen in der Stadt hätten Angst und hofften auf Hilfe von außen.

Den Angaben der Regimegegner zufolge gab es neben der Trauerfeier in Daraa eine weitere Trauerfeier in dem nahe gelegenen Dorf Chorfat Ghasale. Weitere Todesopfer, deren Leichen noch nicht den Angehörigen übergeben worden seien, würden am Freitag beerdigt, hieß es.

Die regierungsnahe syrische Tageszeitung Al-Watan schrieb die Schuld an den Protesten der Einflussnahme anderer Staaten zu: "Was momentan hier im Land geschieht, das ist eine Schlacht gegen eine ausländische Macht, die Millionen von Dollar ausgibt, mit dem Ziel, die Sicherheit und Stabilität Syriens zu erschüttern." Alle Syrier müssten deshalb jetzt bereit sein, das Vaterland zu verteidigen. Vor allem die Prediger seien aufgerufen, den Gläubigen zu erklären, dass sie nicht auf die von ausländischen Medien fabrizierten Lügen hereinfallen dürften.

Menschenrechtler in Damaskus berichteten unterdessen von weiteren Verhaftungen. Der Journalist und politische Aktivist Mazen Darwisch sei von den Sicherheitskräften einbestellt worden und seither verschwunden. Darwisch ist der Gründer des 2009 geschlossenen Zentrums für Medien und Meinungsfreiheit. Er hatte in den vergangenen Tagen offen über die Vorfälle in Daraa gesprochen. Seine Ehefrau sagte: "Es sieht so aus, als wollten sie ihn nicht mehr gehen lassen. Er hatte sich in den vergangenen Tagen täglich bei den Sicherheitskräften melden müssen, am Mittwoch kehrte er nicht mehr zurück."

Frankreich hat Syrien derweil zu einem demokratischen Wandel aufgefordert. "Wir fordern Syrien auf, der Stimme des Dialogs und der Demokratie zuzuhören", sagte der französische Außenminister Alain Juppé. "Lange Zeit richtete sich Frankreichs Arabien-Politik auf das Streben nach Stabilität", fügte er hinzu. Dies ändere sich nun. Heute werde auf des Volkes Stimme gehört. Syrien ist genau wie Tunesien eine frühere französische Kolonie. Seit der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri im Jahr 2005, in die nach einem UN-Bericht der syrische Geheimdienst verwickelt ist, sind die Beziehungen zwischen Syrien und Frankreich extrem gespannt.

Die syrischen Demonstranten verlangen ein Ende von Korruption und Unterdrückung, aber nicht den Rücktritt des Präsidenten. Die Proteste sind die schwerste Bedrohung für Assad, seit er vor elf Jahren die Herrschaft von seinem Vater übernahm. Er hat zwar eine vorsichtige Öffnung des Landes eingeleitet, das autoritäre System mit dem einflussreichen Geheimdienst aber nicht angetastet. Seitdem die Baath-Partei 1963 an die Macht kam, ist jede Opposition verboten. Regiert wird mit Notstandsgesetzen. Nach Einschätzung von Human Rights Watch zählt Syrien zu den Ländern mit den schwersten Verstößen gegen Menschenrechte weltweit. Das Land mit 20 Millionen Einwohnern grenzt an die Türkei, den Irak, Israel, Jordanien und den Libanon.