Eine Woche nach Beginn der Proteste von Regimegegnern in Syrien ist die Gewalt im Land weiter eskaliert. Oppositionelle schilderten, Angehörige der Sicherheitskräfte hätten in der Nacht die Al-Omari-Moschee in der Stadt Deraa gestürmt und 17 Demonstranten erschossen. Dutzende Menschen seien verletzt worden. "Das Regime hat hier ein Massaker an der Bevölkerung verübt", sagte ein Augenzeuge.

Einwohner der Stadt erzählten arabischen TV-Sendern am Telefon, Deraa sei von den Sicherheitskräften abgeriegelt worden. Bei der Beerdigung der getöteten Demonstranten riefen einige Trauergäste: "Nein zu Iran, nein zur Hisbollah." Iran und die libanesische Schiiten-Bewegung Hisbollah im Libanon sind die engsten Verbündeten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Die Oppositionellen veröffentlichten ein Video von dem Zwischenfall im Internet. Es zeigt, dass die Demonstranten mit Tränengas attackiert wurden. Außerdem sind Schüsse zu hören und die Rufe einiger Demonstranten: "Ihr seid unsere Brüder, wie kann man denn seine Brüder töten."

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Führung in Damaskus auf, sich jeglicher Gewalt zu enthalten. In einer Erklärung forderte Ban eine "transparente Untersuchung" der Vorgänge in Deraa.

Die syrische Regierung, die in den vergangenen Tagen mehrfach versucht hatte, lokale Journalisten einzuschüchtern, stellte die Ereignisse ganz anders dar. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, eine "bewaffnete Bande" habe in der Moschee Waffen und Munition gelagert. Sie habe in Deraa auf einen Krankenwagen geschossen und einen Arzt, einen Sanitäter sowie den Fahrer getötet. Daraufhin seien die Sicherheitskräfte eingeschritten. Sie hätten mehrere der Angreifer verletzt und einige von ihnen festgenommen. Auch ein Sicherheitsbeamter sei während des Gefechts ums Leben gekommen.

Die Moschee in der südlich von Damaskus gelegenen Stadt war bereits in den vergangenen Tagen das Zentrum der Proteste gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad gewesen. Erst  am Wochenende waren vier Demonstranten bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften in Deraa getötet worden. Ein elfjähriges Kind starb, nachdem es Tränengas eingeatmet hatte.

Das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen rief das Regime auf, "den exzessiven Gewalteinsatz gegen friedliche Demonstranten sofort zu beenden". Vor allem dürfe nicht mehr scharf geschossen werden.

Ähnlich wie in anderen arabischen Staaten fordern die Demonstranten in Syrien, wo seit fast 40 Jahren ein Notstandsgesetz in Kraft ist, mehr politische Freiheiten. Die Demonstranten fordern Reformen,  die Wahrung der Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Die Staatsmacht reagierte auf die Proteste bislang mit einer Welle von Verhaftungen.

Die Europäische Union kritisierte das Vorgehen der syrischen Behörden als "inakzeptabel". Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton fordere die Regierung auf, keine Gewalt und Repression anzuwenden, sondern "mit umfassendem Dialog und wirklichen Reformen" auf die Opposition zuzugehen.

Neben Deraa gab es auch in weiteren Städten Demonstrationen, etwa in der Hauptstadt Damaskus und in Nawa im Süden des Landes. Aus Oppositionskreisen hieß es, in der Stadt Aleppo sei es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Dabei habe die Polizei Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt.

Die Proteste sind die schwerste Bedrohung für die Macht von Assad, seit er vor elf Jahren die Herrschaft von seinem Vater übernahm. Seitdem hat er zwar eine vorsichtige Öffnung seines Landes eingeleitet, das autoritäre System mit dem einflussreichen Geheimdienst aber nicht angetastet. Seitdem die Baath-Partei 1963 an die Macht kam, ist jede Opposition verboten.