Den Träger des Muammar-al-Gadhafi-Preises für Menschenrechte hat der Binnenkrieg in Libyen und die internationale Intervention in ein Dilemma gestürzt. Soll Tayyip Erdoğan den Freund stützen, der ihm die Auszeichnung erst im vorigen Jahr verliehen hat? Oder soll er mehr auf das Libyen der Zukunft schauen? Der türkische Premier ist hin- und hergerissen zwischen den Wirtschaftsinteressen seines Landes, dem Vorwahlkampf, dem Ansehen der Türkei in der arabischen Welt und dem Druck seiner Verbündeten in der Nato. Die Folge: keine große Politik, sondern ein türkischer Krebsgang am Mittelmeer.

Als die libysche Revolte begann und wenig später der Krieg ausbrach, war der türkische Premier auffällig leise. Zuvor hatte er noch dem ägyptischen Präsidenten geraten, auf sein Volk zu hören. Gadhafi bekam keine solche Empfehlung. Erdoğan riet allen Seiten zu "Ruhe und Besonnenheit". Kein Wunder. Hatte die Türkei doch rund 25.000 Arbeiter in Libyen, die Erdoğan in einer groß angelegten Schiffsaktion evakuieren ließ, während er sich an der rhetorischen Front wegduckte.

Doch es stand noch mehr auf dem Spiel. Die Türkei hat in Libyen Aufträge von geschätzten 15 Milliarden US-Dollar offen, eine Summe, die auch Führer großer westlicher Industriestaaten zwei Mal nachdenken ließe, bevor man die große Lippe riskiert. Erdoğan polterte also völlig kostenfrei gegen den Westen. Eine "Flugverbotszone kommt nicht infrage", die Türkei sei gegen jede Art von äußerer Einmischung.

In diesen Tagen sprach außerdem Ahmet Calik beim Premier vor, ein befreundeter türkischer Oligarch, der unter der AKP-Regierung groß geworden ist. Die Calik-Gruppe hat in Libyen umfassende Aufträge im Energie- und Baugeschäft. Diese konnten sie ausweiten, als Erdoğan sich von Gadhafi voriges Jahr den Menschenrechtspreis anhängen ließ.

Mit dem Vorrücken der Gadhafi-Milizen auf die von Rebellen gehaltenen Städte in der Kyrenaika allerdings wirkte die türkische Haltung immer zynischer. Als der UN-Sicherheitsrat über die Einrichtung einer Flugverbotzone entschieden hatte, rief Erdoğan: "Keine Bombardierung von libyschen Zivilisten!" und "Keine westliche Intervention!" und keine Nato-Beteiligung. Das war schon nicht mehr so eindeutig, aber deutlich genug, um seinen Türken zu signalisieren: Er war dagegen.