ZEIT ONLINE:  Herr Lacher, nach dem Anschlag von Marrakesch steht die in Nordwestafrika aktive Extremistenorganisation al-Qaida im islamischen Maghreb unter Verdacht. Was ist das für eine Gruppe?

Wolfram Lacher:  Al-Qaida im islamischen Maghreb, kurz Aqmi, ist aus der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf hervorgegangen, die ihren Ursprung im algerischen Bürgerkrieg hat. Bis heute ist ein Teil der Kämpfer im Guerilla-Krieg gegen den Staat in Algerien. Unabhängig davon gibt es Regionalgruppen im Sahel-Gebiet bei Nord-Mali und Mauretanien, die kriminell und terroristisch agieren. Insgesamt schätzen wir, dass Aqmi zwischen 600 und 1000 Kämpfer in Nordalgerien hat, im Sahel-Gebiet etwa 200.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt Aqmi in Marokko?

Lacher: In Marokko selbst konnte Aqmi bisher nicht Fuß fassen. Es gibt zwar einzelne marokkanische Staatsbürger in Aqmi, aber keine Anzeichen dafür, dass die Organisation eine Zelle in Marokko hat. Das gilt größtenteils auch für Tunesien und Libyen.

Wenn sich herausstellen sollte, dass die Gruppe den Anschlag in Marrakesch verübt hat, wäre dies das erste Mal in Marokko. Bei den Anschlägen von 2003 und 2007 in Casablanca gab es keine Verbindung zu Aqmi oder ihren Vorgängern. Verantwortlich waren kleinere Gruppen, ohne Verbindung zu Aqmi.

ZEIT ONLINE: Gibt es andere Islamistengruppen in Marokko?

Lacher: Wie auch anderswo gibt es in Marokko radikale islamistische Strömungen, aber meines Wissens keine Organisation, die politische Forderungen erheben könnte. Es werden immer wieder kleinere Gruppen zerschlagen und Extremisten nach dem Anti-Terror-Gesetz verurteilt. Es ist aber meist unklar, ob die Täter zur Opposition gehören und ob es tatsächlich bewaffnete Kämpfer sind.

ZEIT ONLINE: Wäre Aqmi der Anschlag vom Donnerstag zuzutrauen?

Lacher: Ich möchte darüber nicht spekulieren. Wie gesagt, für die bisherigen Anschläge waren kleine, unabhängige Gruppen verantwortlich.

ZEIT ONLINE: Als Aqmi-Extremisten vor mehreren Jahren in Nordafrika Europäer entführten, stellten sie kaum politische Forderungen. Was will die Gruppe eigentlich?

Lacher: Viele Untergruppen der Aqmi haben eher kriminelle Ziele. Selbst wenn einzelne Zellen politische Forderungen erhoben, diente dies nur als Vorwand, um Geld zu erpressen. Bei der Aqmi-Kerngruppe in Nordalgerien ist das noch anders. Neben ihrer kriminellen Betätigung kämpft sie auch gegen den algerischen Staat. Der Kampf ist aber eher zum Selbstzweck geworden. Denn das ursprüngliche Ziel des Guerilla-Krieges, einen islamischen Staat zu errichten, erwies sich als nicht durchsetzbar.

ZEIT ONLINE: Welchen Einfluss könnte der Anschlag auf die arabischen Revolutionen in anderen Maghreb-Staaten haben?

Lacher: Die Frage stellt sich eher andersherum: Welche neuen Spielräume wird der Umbruch den Extremisten eröffnen? Kurzfristig birgt die Umwälzung die Gefahr, dass sich Aqmi und andere kriminelle Netzwerke leichter bewaffnen können und unbehelligt grenzübergreifend operieren. Langfristig aber würde breitere politische Mitbestimmung den Einfluss der Extremisten zurückdrängen.