Die Nationalisten sind auf dem Vormarsch gegen Europa. Ungarn verabschiedet eine Verfassung mit nationalem Glaubensbekenntnis , in Frankreich rechnet sich die Anti-EU-Partei Front National zunehmend Chancen aus. In Schweden machen die Schwedendemokraten gegen Brüssel mobil, in Finnland die "Wahren Finnen" .

Das ist nicht unbedingt bedauerlich.Wenn die EU zum Protest-Thema wird, ist das verständlich, aber auch als Anstoß zu einer streitigen Debatte zu begrüßen. Von Sicco Mansholt, seinerzeit Vater der EU-Agrarpolitik, wird berichtet, er sei richtig erfreut gewesen, als die Bauern mit ihren Traktoren vor den Toren der Brüsseler Kommission demonstrierten und damit zeigten, dass sie Europa ernst nahmen.

Nur leider findet die notwendige streitige Debatte heute kaum statt; die nationalen Politiker, die sie führen müssten, drücken sich davor. Die wenigen unter ihnen, die sich noch zur Integration Europas bekennen, beschränken sich zumeist darauf, die Kritiker zu Europa-Feinden zu erklären, oder gehen der Kontroverse mit ein paar Gemeinplätzen wie "Europa gelingt nur gemeinsam" oder "Der Euro ist unser Schicksal" aus dem Weg. Da ist es kein Wunder, wenn die Euro-Skeptiker erst recht Zulauf bekommen.

Den Schaden hat die ganze EU, aber vor allem Deutschland – die Nation, deren nationale Wiedervereinigung, fortdauernder Wohlstand und internationales Ansehen nur dank ihres europäischen Engagements gelingen konnte. Wenn es eine Lehre der jüngeren europäischen Geschichte gibt, dann ist es diese: Erst dank des europäischen Zusammenschlusses wurde erreicht, dass Europa mit Deutschland leben kann und Deutschland mit Europa.

Für uns ist deshalb die Integration eine strategische Notwendigkeit. Siecht sie dahin, erodiert das Fundament des europäischen Ausgleichs und damit die Kernbedingung für die erfolgreiche Verfolgung deutscher Interessen. Auch in Deutschland signalisieren die Umfragen wachsende Zweifel an dem europäischen Projekt. Und in den Attacken unserer Partnerländer gegen Brüssel schwingen bereits Ressentiments gegen das europäische Schwergewicht Deutschland mit, das sich zudem selbstgefällig als Vorbild für andere sieht.

Luxemburgs Ministerpräsident Juncker hat kürzlich geklagt, die europäischen "Bauch-Politiker, die auch bereit waren, für Europa innenpolitische Risiken zu tragen", seien eine aussterbende Gattung. Aber man braucht in Deutschland kein Bauch-Europäer zu sein, um zu erkennen, dass deutsche Interessen am wirkungsvollsten im europäischen Rahmen verfolgt werden können. Es reicht aus, seinen Kopf zu benutzen.

Von einer strategisch orientierten deutschen Politik müsste man erwarten dürfen, dass sie schleunigst versucht, der Verbreitung des neuen Nationalismus allenthalben entgegenzuwirken. Schwer wäre das nicht. Frau Merkel und ihre Regierung müssten nur endlich anfangen, sich zu glaubwürdigen Anwälten europäischer Interessen zu machen, die Anliegen zumal der kleineren Partner in ihre Initiativen und Positionen einbeziehen und die europäischen Institutionen nachdrücklich zu stützen. Und den eigenen Bürgern kämpferisch zu vermitteln, warum gerade dies im nationalen Interesse Deutschlands liegt.

Wieweit die Berliner Politik, abgesehen von dem wackeren Wolfgang Schäuble, von dieser Erkenntnis entfernt ist, beweist leider jeder Tag aufs Neue. Sie hat sich in der Illusion nationaler Souveränität eingerichtet. Supranationalität, der geniale Ansatz der europäischen Integration, wird nicht länger als Mittel zur Ausweitung europäischer Gestaltungskraft in der globalisierten Welt erkannt, sondern als unbotmäßige Eindämmung nationaler Privilegien abgetan. Nicht in ihren Worten, aber in ihrem Verhalten reiht sich die deutsche Regierung längst unter die Euro-Skeptiker ein.

Statt der seichten Versuchung des populistischen Nationalismus entgegenzuwirken, ermutigt sie diese so geradezu, zu Hause und bei unseren Partnern und Nachbarn. Es ist ein Spiel mit dem Feuer.