Die Landkarte der Migration ist stets in Bewegung. Alte Orte verschwinden, neue tauchen auf, bereits aufgegebene werden wieder interessant. Man sieht das in diesem Frühjahr: Lampedusa, dank der Zusammenarbeit zwischen dem früheren tunesischen Diktator und der EU zur Flüchtlingsabwehr eigentlich schon aus der Mode, ist unversehens wieder ein Hotspot . Ventimiglia, der italienische Grenzübergang zu Frankreich, steht, abgesehen von einer Episode mit kurdischen Flüchtlingen vor mehr als zehn Jahren, erstmals in den Schlagzeilen. Einen Namen gemacht haben sich zuletzt auch Standorte von Übergangscamps wie Manduria an der Ferse des italienischen Stiefels.

Die Konjunktur bestimmter Routen gilt also nicht nur für den Eintritt in die Europäische Union, sondern auch für die Weiterreise in einen Mitgliedsstaat, der die vermeintlich besten Aufnahme- und Lebensbedingungen bietet. Aktuell ist für viele Tunesier beispielsweise Frankreich das Ziel ihrer Wünsche. Allgemein jedoch ist nach wie vor Großbritannien die erste Option. Auch wenn die Krise den informellen Arbeitssektor dort einschränkt oder versucht wird, eine allgemeine Ausweispflicht einzuführen: der Mythos vom Land mit Arbeit im Überfluss und wenig Kontrollen hält sich hartnäckig. Der Strom ins Vereinigte Königreich reißt seit Jahren nicht ab.

Es ist dieser Strom, der auch das alte belgische Seebad Ostende, vier Fährstunden von Ramsgate auf der anderen Seite des Ärmelkanals entfernt, seit Jahren auf der Karte hält. Eher latent als akut, denn die klandestine Kanalüberquerung in einem Container oder versteckt unter einem LKW hat hier nicht die Dimensionen wie weiter südlich in Calais. Ganz einfach, weil die Überfahrt viermal so lang dauert und die Fährfrequenz deutlich niedriger ist. In der französischen Hafenstadt campierten bis vor zwei Jahren zudem noch mehr als Tausend Glückssucher in Dünen und Wäldchen, in der Hoffnung, durch den Eurotunnel auf die britische Insel zu gelangen. Ihre Präsenz in den Straßen war nicht zu übersehen. In Ostende dagegen halten sich selten mehr als 100 Transitmigranten auf, und wer nicht genau hinsieht, entdeckt sie kaum.

Ein Stamm von rund 50 Flüchtlingen kommt jeden Morgen in die Anlaufstelle einer staatlichen Wohlfahrtsorganisation, um etwas zu essen, zu duschen, Billard zu spielen oder E-Mails zu schreiben. Die Gruppe ist keineswegs statisch, auch wenn viele Flüchtlinge seit Monaten in Ostende sind. Der Ärmelkanal gilt als eine der am schwersten zu überwindenden Grenzen der Welt. Der Immigration Service des Vereinigten Königreichs unterstützt die kontinentalen Grenzkontrollen, auch die britische Polizei beteiligt sich gelegentlich. Herzschlagdetektoren, CO2-Messgeräte und Hunde sind im Einsatz. Allerdings gibt es in Ostende zwei Kontrollen, in Calais dagegen drei. Und nach und nach trudeln die Berichte ein von denen, die es geschafft haben. Neuankömmlinge rücken nach. Der Strom versiegt nicht.

Eine Geographie der Migration gibt es auch auf lokaler Ebene. Die von Ostende ist ziemlich übersichtlich. Anders als zum Beispiel in Zeebrugge, von wo ebenfalls Transitmigranten nach England aufbrechen, liegt hier alles dicht beisammen. Zwischen Hafen und Bahnhofsgelände ist nur ein Zaun, und auf der anderen Seite trennt ein weiterer, bis zu vier Meter hoher, die Schienen von der Straße. Seit dem Herbst thront darüber massiver Natodraht – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die entsprechende Migrationsroute aktiv ist. In der Nacht huschen Schatten aus den Büschen auf der anderen Straßenseite, wo die Flüchtlinge in einem weiten Park campieren. Manchmal haben sie Bolzenschneider. Sie versuchen, über die Schienen in den Hafen zu gelangen. Anfang des Jahres mussten mehrfach Züge längere Zeit warten, weil Flüchtlinge die Gleise überquerten.