Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gadhafi setzten ihre Bombardierung von Misrata unvermindert fort. Sie nahmen die Stadt unter Artilleriebeschuss, Panzer und Heckenschützen waren ebenfalls im Einsatz. "Gadhafi versucht, Misrata so schnell wie möglich einzunehmen, bevor die Nato mit Bodentruppen kommt", sagte ein Bewohner in einer Audio-Botschaft, die über das Internet verbreitet wurde. "Wenn nicht bald etwas geschieht, wird die Lage noch schlimmer", fügte er hinzu.

Misrata, 210 Kilometer östlich von Tripolis gelegen und drittgrößte Stadt des Landes, ist seit Wochen von Gadhafi-Truppen eingekesselt. Der arabische Sender Al Jazeera strahlte in der Nacht Bilder aus, auf denen Panzer der Gadhafi-Streitkräfte zu sehen waren, wie sie in Wohngebiete der Stadt vorrückten. Dies macht es auch den Nato-Flugzeugen nahezu unmöglich, diese Panzer zu bombardieren. Die Schäden in dem dicht bebauten Gebiet wären zu groß, viele Menschen könnten getroffen werden.

In der Stadt selbst schlugen nach Angaben von Aufständischen mindestens 100 Raketen ein. Gadhafi-Kräfte hätten ein Industriegebiet ins Visier genommen, sagte ein Rebellensprecher. Es habe keine Todesopfer gegeben. Der schwere Beschuss Misratas dauert nunmehr seit drei Tagen an. Die Hafenstadt ist die einzige große Rebellenbastion im Westen Libyens und wird seit Wochen von Gadhafis Soldaten belagert. Am späten Freitagabend brachte das Schiff einer Hilfsorganisation fast 1200 Menschen aus Misrata nach Bengasi im Osten des Landes.

Zudem schaffte es die Organisation Ärzte ohne Grenzen, von Freitag auf Samstag per Schiff 99 Menschen aus Misrata nach Zarzis in Tunesien in Sicherheit zu bringen. Zuvor hatte ein Team der Organisation medizinische Einrichtungen in der libyschen Stadt besuchen können. Die Lage habe sich durch den anhaltenden Beschuss weiter verschlechtert, berichtete ein Sprecher. "Die Krankenhäuser müssen ihre Patienten ohne abgeschlossene Behandlung entlassen, um neue Verwundete aufzunehmen."

Immer noch müssten bis zu 10.000 weitere Zivilisten aus Misrata in sicherere Gegenden gebracht werden, erklärte die Internationale Organisation für Migration. Doch durch die anhaltende Bombardierung sei es fast unmöglich, in viele Stadtviertel vorzudringen.

Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf dem Gadhafi-Regime vor, in Misrata international geächtete Streumunition einzusetzen. "In der vergangenen Nacht war das wie Regen", beschrieb ein Aufständischer die Folgen von Explosionen über der Stadt.

HRW-Experte Steve Goose sagte, Mitarbeiter seiner Organisation hätten vor Ort mindestens drei Streubomben gefunden. Es sei "empörend", dass solche Bomben auch in Wohngebieten eingesetzt würden. "Sie bedeuten eine riesige Gefahr für die Zivilbevölkerung. Während ihres Einsatzes, weil sie vollkommen ungerichtet wirken und danach, weil nicht-explodierte Teile weitflächig verstreut werden."

Ein Reporterteam der Tageszeitung New York Times hatte zuerst über Bomben berichtet, die am Himmel explodierten und viele kleine Sprengsätze über der Stadt verteilten. Das Team machte auch Fotos davon. Die Bomben sollen demnach im Jahr 2007 in Spanien produziert worden sein, ein Jahr bevor Madrid die Streubomben-Konvention unterzeichnete. Die Konvention trat im August 2010 in Kraft. Seitdem ist die Produktion, Lagerung und Verwendung von Streumunition international geächtet.

"Wir tun das nie", wies Regierungssprecher Mussa Ibrahim in der Hauptstadt Tripolis die Vorwürfe zurück. Die Berichte seien "surreal". Human Rights Watch und die Aufständischen müssten Beweise dafür vorlegen.