Gadhafi-Gesandter verhandelt mit London

Bislang stand Saif al-Islam offiziell treu zu seinem Vater, dem libyschen Diktator Muammar al-Gadhafi. Seit dem Beginn des Aufstands schwor er die Regimegetreuen immer wieder mit Reden und Interviews auf den Kampf gegen die Rebellen ein . Nun allerdings deutet sich an, dass die Familienbande bröckelt. Ein hochrangiger Berater von Saif al-Islam habe sich in London mit Vertretern der britischen Regierung getroffen, meldete der Fernsehsender BBC . Inzwischen sei er wieder nach Tripolis zurückgekehrt. Möglicherweise sei es bei den Gesprächen mit Mohammed Ismail um ein Ausstiegsszenario für das Gadhafi-Regime gegangen, berichtete die Zeitung Guardian unter Berufung auf Regierungsquellen.

Ismail gelte unter Diplomaten als Schlüsselfigur in den Beziehungen zu Saif al-Islam, schrieb das Blatt weiter. Es gebe hartnäckige Gerüchte, dass die Berater von Saif al-Islam sowie seiner Brüder Saadi und Mutassim darauf drängten, den Diktator kaltzustellen und Exit-Strategien zu erörtern, um eine Anarchie im Land zu verhindern. Eine Möglichkeit sei, dass Mutassim, gegenwärtig nationaler Sicherheitsberater, das Amt seines Vaters vorübergehend übernimmt und eine Interimsregierung unter Beteiligung der Opposition bildet. Bestätigungen dafür gebe es aber nicht, hieß es in dem Bericht.

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Das britische Außenministerium teilte zu dem Treffen mit Ismail mit, die Regierung liefere nicht ständig Kommentare über ihre Kontakte zu libyschen Offiziellen ab. Ihnen allen werde aber unmissverständlich mitgeteilt, dass Gadhafi gehen müsse. Zudem würden die Verantwortlichen für Verbrechen während des Aufstands zur Rechenschaft gezogen, zitierte der Guardian einen Sprecher.

Der Besuch Ismails in London kam praktisch zeitgleich mit einer internationalen Libyen-Konferenz am Dienstag in der britischen Hauptstadt, auf der Vertreter von 40 Nationen erste Strukturen für eine Strategie nach dem Gaddafi-Regime erörterten.

Am Mittwoch hatte sich zudem der libysche Außenminister Mussa Kussa nach London abgesetzt. Der britische Premier David Cameron stellte klar, dass es keinen Deal mit Kussa gebe . Ihm sei keinerlei Immunität zugesichert worden. Aus Regierungskreisen verlautete laut dem Guardian , der Minister sei sehr besorgt um seine Familie in Libyen. Aber er habe diesen Schritt eigenen Angaben zufolge gehen müssen, weil er zum Sturz Gadhafis beitragen könne. Beobachter werteten Kussas Flucht als Indiz, dass das Regime zerfällt .

Derweil setzten sich weitere hochrangige Mitarbeiter von dem Machthaber ab. So bleibt Libyen weiter ohne Vertreter bei den UN. Nachdem die Vorgänger schon vor Wochen den Dienst quittierten, floh auch der designierte Nachfolger als Botschafter, Ali Abdussalem Treki, ins Nachbarland Ägypten. "Wir sollten unser Land nicht einem unbekannten Schicksal überlassen", schrieb er in einer Erklärung, die auf Webseiten der libyschen Opposition veröffentlicht wurden. "Unsere Nation hat das Recht, in Freiheit, Demokratie und Wohlstand zu leben."

Der Fernsehsender Al Jazeera berichtete unter Berufung auf ungenannte Quellen, dass auch der Chef des Auslandsgeheimdienstes das Land in Richtung Tunesien verlassen hätte. Der Chef der nationalen Ölgesellschaft, Schokri Ghanem, der ebenfalls genannt wurde, dementierte jedoch, Libyen verlassen zu haben. "Das ist falsch", sagte er. 

Patt-Situation im Osten Libyens

Derweil stehen sich an der Front im Osten Libyens Rebellen und regimetreue Truppen in einem Patt gegenüber. Den Regimegegnern am Rande der Stadt Adschabija gelang es weiterhin nicht, die Gaddafi-Truppen zurückzudrängen, wie ein BBC-Reporter aus der Region berichtete. Am Vortag war bereits der Vorstoß gescheitert, den am Mittwoch verlorenen Ölhafen Brega zurückzuerobern. Den Truppen Gadhafis scheine es zu gelingen, eine komfortable Pufferzone zwischen dem von den Aufständischen kontrollierten Landesteil und dem Kernland der Regimegetreuen rund um Sirte, die Geburtsstadt des Diktators, zu schaffen, berichtete der Reporter.

Allerdings scheint der Rückhalt für Gadhafi auch militärisch zu schwinden. Al Jazeera berichtete, immer weniger Menschen seien bereit, als "menschliche Schutzschilder" vor der Residenz des Clans in der Garnison Bab al-Asisija bei Tripolis Stellung zu beziehen. Am Donnerstagabend seien nur mehr noch ein paar Dutzend Libyer dort gewesen, um einer möglichen Bombardierung des Stützpunkts durch die westliche Militärallianz zu trotzen, berichtete der Sender. Zu Beginn der Luftangriffe auf libysche Militärziele vor zwei Wochen waren es noch Tausende gewesen.