In ihren Gefechten mit den Truppen von Machthaber Muammar al-Gadhafi sind sie seit einer Woche in der Defensive. Politisch versuchen die Aufständischen nun in Libyen die Oberhand zu gewinnen: Sie sind zu einem Waffenstillstand bereit – allerdings nur unter ganz bestimmten Bedingungen.

"Die Regimetruppen müssen sich sofort aus den von ihnen blockierten Städten zurückziehen und die Blockade von Städten wie Misrata beenden", sagte der Vorsitzende des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, nach einem Treffen mit dem UN-Gesandten Abdelillah al-Chatieb in Bengasi. Zudem müsse den Menschen in diesen Städten die Möglichkeit gegeben werden, frei ihre Meinung zu äußern. Außerdem sollten Gadhafi und seine Familie das Land verlassen.

Abdul Dschalil nutzte die Pressekonferenz, die von mehreren arabischen Fernsehsendern übertragen wurde, um den Menschen in den von Gadhafis Truppen umstellten Städten im Zentrum des Landes und im Westen Mut zuzusprechen. "Wenn es keine Waffenruhe geben sollte, dann werden wir marschieren bis wir bei euch sind", sagte er.

Um ihre Stellungen weiter auszubauen, sind die Rebellen allerdings auf die Hilfe der internationalen Koalition um Frankreich, Großbritannien und den USA angewiesen. Erst durch ihre Luftangriffe konnten sie in der vergangenen Woche Schlüsselpositionen erobern. Darum weiß auch Dschalil – und forderte die internationale Staatengemeinschaft auf, die Rebellen mit Waffen zu versorgen. Ohne entsprechende Militärhilfe sei es für die Rebellen sehr schwer, den Truppen des Staatschefs Einhalt zu gebieten. 

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Dazu hat die Staatengemeinschaft bislang aber keine gemeinsame Linie gefunden. Während die US-Regierung sich für Waffenlieferungen ausgesprochen hatte, und dies auch durch die maßgebliche UN-Resolution gedeckt sieht, sprach sich Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen klar gegen solche Maßnahmen aus.

Aus dem Pentagon hieß es nun, um sich den Gadhafi-Truppen entgegenstellen zu können, seien die Aufständischen vielmehr auf militärisches Training angewiesen. Dies sei aber nicht unbedingt Aufgabe der USA oder eines Nato-Mitglieds. Die Rebellen kündigten wiederum an, sich künftig besser organisieren und keine Zivilisten mehr in den Kampf schicken zu wollen. 

Am Freitag lieferten sich die Aufständischen nahe der Ölstadt Brega sowie am Rande von Adschabija Kämpfe mit den Gadhafi-Einheiten. Wer die 800 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegene Stadt kontrollierte, war weiterhin offen. Nach Angaben von US-Oberbefehlshaber Mike Mullen seien die Regimetruppen inzwischen weiter vorgerückt. Begünstigt wurde dies auch durch schlechtes Wetter, das die Luftangriffe der Allianz in dieser Woche behindert hatte.

Trotz der Rückschläge für die Rebellen scheint die Unterstützung für Gadhafi zu schwinden. Der Staatschef soll allen Regierungsmitgliedern und hochrangigen Beamten die Ausreise verboten haben. Außer dem nach Großbritannien geflohenen Außenminister Mussa Kussa wollten sich noch weitere ranghohe Funktionäre absetzen, berichtete die arabische Tageszeitung Al-Sharq al-Awsat. Darunter seien der Parlamentspräsident und Ministerpräsident Al-Baghdadi Al-Mahmudi.

Äußerungen von UN-Flüchtlingskommissar António Guterres rücken derweil die humanitäre Lage in Libyen in den Fokus. Guterres bezeichnete die Lage in dem nordafrikanischen Land als "dramatisch". Rund 400.000 Menschen seien vor den Kämpfen nach Tunesien oder Ägypten geflohen. Zudem gebe es viele Menschen, die in Libyen auf der Flucht seien. Diese Binnen-Flüchtlinge seien zwischen den Linien der Regierungstruppen und der Rebellen in einer "verzweifelten Lage", sagte Guterres. Es sei "absolut notwendig", dass die humanitäre Hilfe diese Menschen unverzüglich erreiche.