Jahrelang war es ruhig in Marokko, die opferreiche Anschlagserie von Casablanca 2003 auf jüdische Einrichtungen liegt lange zurück. Seit am Donnerstag im Herzen von Marrakesch ein von vielen Touristen besuchtes Café explodierte, rätseln Fachleute, wer das Desaster auslöste. Zwar existieren in der westafrikanischen Region zwischen Sahara und Mittelmeer viele Extremistengruppen. Sie seien aber meist mehr auf Geld aus, als dass sie politische Ziele verfolgen, sagt der Berliner Al-Qaida-Experte Wolfram Lacher im ZEIT-ONLINE-Interview . "Selbst wenn einzelne Zellen politische Forderungen erhoben, diente dies nur als Vorwand, um Geld zu erpressen."

Durch das Attentat auf dem Jamaa el-Fna-Platz in Marrakesch starben 16 Menschen, 21 erlitten Verletzungen, die meisten von ihnen waren Urlauber. Unter den Toten sind nach Informationen aus Paris und Den Haag sechs Franzosen und ein Niederländer. Nach Angaben der örtlichen Behörden starben zudem zwei Kanadier und vier Marokkaner. Unbestätigten Berichten zufolge wurden auch eine schwangere Israelin und ihr aus Marokko stammender Ehemann getötet.

Die größte und bekannteste Terrorgruppe Nordwestafrikas ist al-Qaida im islamischen Maghreb, kurz Aqmi. Ihren Ursprung hat sie im arabischen Bürgerkrieg, wie Afrika-Fachmann Lacher erklärt. Ihr Zentrum liegt mit 600 bis 1000 Kämpfern in Nordalgerien; im Sahel-Gebiet nahe Mauretanien und Mali gebe es weitere 200, sagt Lacher. Bisher gab es keine Anzeichen, dass Aqmi auch in Marokko operiert. "Wenn sich herausstellen sollte, dass die Gruppe den Anschlag in Marrakesch verübt hat, wäre dies das erste Mal", sagt der Berliner Afrika-Forscher. Bei den Anschlägen in Casablanca habe es keine Verbindung zu al-Qaida gegeben.

Lachers Fachkollege Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik wiegelt ab. Gegen eine Täterschaft der Aqmi spreche, dass die marokkanischen Dschihadisten auf ihre Unabhängigkeit achteten. "Der Versuch der Aqmi, ihre Aktivitäten auf die Nachbarländer Algeriens auszudehnen, hat sich bisher kaum auf Marokko ausgewirkt", sagt Steinberg im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Doch al-Qaida habe gezielt versucht, in Marokko Fuß zu fassen. Es gab bereits eine Reihe von Anschlagsplanungen, so Steinberg. 

Die Regierung hat Aqmi unter konkretem Verdacht, obgleich Regierungssprecher Khalid Naciri sagt, es sei noch zu früh, die Hintermänner klar zu benennen. Die Polizei ermittle in diese Richtung, gehe aber auch Hinweisen auf andere Urheber nach. Augenzeugen erzählten von einem verdächtig erscheinenden Einheimischen mit einem Rucksack. Innenminister Taieb Cherkaoui sagte, der Anschlag sei Selbstmordattentat gewesen. Ein Täter habe die Explosion per Fernzündung ausgelöst.

In Marokko müht sich die Regierung am Tag danach, den Schaden für den Tourismus in Grenzen zu halten. Besonders die Gegend um Agadir ist ein auch bei Deutschen sehr beliebtes Reiseziel. Der Fremdenverkehr beschert der Branche Umsatz von jährlich umgerechnet mehreren Milliarden Euro. "Wir werden sehr hart daran arbeiten, dass dies keine Folgen für den Tourismus in Marrakesch hat", sagte der marokkanische Finanzminister Salaheddine Mezouar über den Anschlag. Aus deutscher Sicht war Marokko bisher nicht übermäßig gefährlich: Reisewarnungen der Bundesregierung gibt es nur für Mali, Mauretanien im Süden oder das westliche Nachbarland Algerien.

Sorgenfreie Erholung war aber auch schon bisher in Marokko nur für risikobereite Urlauber möglich. Man müsse bei Reisen in das Land nicht mehr Angst haben als bis jetzt, sagt Steinberg. Aber auch nicht weniger. "Schon bisher war es nicht ratsam, sich auf Plätze wie diesem in Marrakesch zu begeben", sagt der Forscher. "Solche Anschläge sind in Marokko jederzeit möglich."

Offen ist auch, was die Täter bezwecken wollten – eine Forderung oder ein Bekenntnis gibt es bislang nicht. Den von König Mohammed VI. in Gang gesetzten Reformprozess solle der Anschlag jedenfalls nicht stoppen, sagt Regierungssprecher Naciri. Nach landesweitem Protest hatte der Machthaber am 9. März umfassende Veränderungen angekündigt: Der Premier der konstitutionellen Monarchie solle künftig auch seine Minister zu Kabinettssitzungen einberufen dürfen, das Parlament sollte eigene Gesetzesinitiativen starten dürfen. Aus Sicht des Terrorexperten Steinberg ist schwer einzuschätzen, ob dieser Umbruch nun gefährdet ist. "Man muss berücksichtigen, dass der König im Sicherheitssektor auf Härte setzt", sagt er. In diesem Bereich habe er auch keine Veränderungen angekündigt. "Nach wie vor regiert er einen Polizeistaat."

Wie in anderen nordafrikanischen Ländern sind auch in Marokko in den vergangenen Monaten Tausende Menschen auf die Straßen gegangen, um Reformen einzufordern. Denn viele Jugendliche sind arbeitslos, nur wenige Marokkaner sind sozialversichert, die medizinische Versorgung ist außerhalb der Städte schlecht. Die jüngste Demonstration fand am Wochenende statt. Gewalttätige Unruhen wie in Tunesien , Ägypten , Libyen und anderen Staaten der Maghreb-Region blieben in dem überwiegend von Berbern bewohnten Land weitgehend aus.

Auch wenn der Umbruch in Nordafrika irgendwann einmal demokratische Strukturen hervorbringt, könnte sich die Sicherheitslage zunächst jedoch weiter verschärfen. Denn im Strudel der Unruhen gerieten Sicherheitsstrukturen und -behörden der Staaten schon mehrfach außer Kontrolle. "Kurzfristig birgt die Umwälzung die Gefahr, dass sich Aqmi und andere kriminelle Netzwerke leichter bewaffnen können und unbehelligt grenzübergreifend operieren", sagt Sicherheitsexperte Lacher. Langfristig aber würde breitere politische Mitbestimmung den Einfluss der Islamisten zurückdrängen.