Während draußen der Frühjahrssturm tobt, kämpfen Briten, Franzosen und Deutsche vereint gegen bürokratische Windmühlen. In dieser kleinen Runde debattieren sie, wie Europas Verwaltungslasten weiter sinken könnten. Ein Mitglied ist der frühere Bahnchef Johannes Ludewig. Der sitzt auch dem deutschen Normenkontrollrat vor und murrt beim Treffen, warum die Umsetzung der Vorschläge so lange von der EU-Kommission hinausgezögert würde. Auch Stoiber und seine Mitstreiter ärgert, dass viele Vorschläge in der Brüsseler Gesetzesmaschine festhängen.

Längst haben die Experten 13 Rechtsgebiete nach Verbesserungsmöglichkeiten durchpflügt und 300 Vorschläge unterbreitet. Die seien jetzt alle in der Pipeline und würden die Wirtschaft Europas um 41 Milliarden Euro entlasten, sagt Stoiber. Mehr als ein Viertel der Verwaltungskosten wollen Stoiber und seine Mitstreiter einsparen. Mindestens.

Sogar dem Sozialisten Martin Schulz imponiert Stoibers europapolitischer Ehrgeiz. Lange hat Schulz sich gewehrt gegen ein Gespräch mit Stoiber, weil er auf den "Politbrutalo keinen Bock hatte". Doch weil Stoiber hartnäckig blieb, haben sich die beiden doch getroffen. Heute sagt Schulz: "Mir saß ein sehr nachdenklicher Mann gegenüber, der sehr kritisch auch die eigene Vergangenheit hinterfragt." Seine Meinung über den einstigen "Straußadlatus" hat Schulz grundlegend revidiert. Stoiber bringe die konkreten Dinge mit seiner Gruppe auf den Punkt und "behält den Blick fürs Wesentliche".

In seiner Arbeit hat Stoiber eine Menge über Europa gelernt. Der größte Erkenntnisgewinn: "In der EU-Kommission hat längst ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Viel früher taucht die Frage auf: Wie wirkt sich das aus?" Die Widerstände gegen Stoibers Entbürokratisierungsvorschläge sitzen nicht in Brüssel, sondern hinter den Schreibtischen in Berlin, Paris oder London.

Beispiel Gurkenkrümmung: Diese Regel gilt bis heute als das Paradebeispiel übereifriger Bürokratie. Maximal zehn Millimeter auf zehn Zentimeter durften sich die Gewächse neigen, ähnliche Normungen schrieb Brüssel für Auberginen, Spargel und sogar Knoblauch vor. Nicht nur Frankreich, Polen, Belgien oder Spanien liefen gegen die Vereinfachung Sturm. Selbst das Landwirtschaftsministerium warb intern für die Normen, weil sich Gemüse leichter verpacken ließe, während der Deutsche Bauernverband vor "Wühltischen" im Supermarkt warnte. Mittlerweile wurde die Normung abgeschafft. Die Gurke darf wieder so krumm sein, wie sie will. Stoiber hat das forciert.

Und die Vereinfachung der Buchführungspflichten? Ist bis heute umstritten. Stoibers Gruppe schlug vor, sechs Millionen Kleinunternehmen von der Pflicht zur Aufstellung der EU-Handelsbilanz auszunehmen. Allein diese Reform würde auf einen Schlag eine Entlastung um 6,3 Milliarden Euro bedeuten. "Dagegen waren bisher vor allem Frankreich, Belgien, aber auch Österreich", sagt Stoiber. Die Organisation der Blockade ist im Detail recht simpel. Belgien zum Beispiel war als EU-Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 2010 für die Abläufe des Rates, dem Gremium der Mitgliedsstaaten, zuständig. "Das Thema wurde einfach nicht auf die Tagesordnung gesetzt", sagt Stoiber.

Persönlich habe er allein zweimal mit Nicolas Sarkozy darüber gesprochen, dazu mit Österreichs Finanzminister Josef Pröll und Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker. In Deutschland machten vor allem die Steuerberater mobil. Die Bundessteuerberaterkammer warnte davor, dass Kleinunternehmern ohne diese Bilanzierung die Kapitalbeschaffung erschwert werden könnte. So vergingen drei Jahre bis der Widerstand in diesem Frühjahr gebrochen scheint. "Wie lang doch die Wege sind", klagt der aus München verwöhnte Stoiber. In solchen Momenten scheint er sich die Richtlinienkompetenz zurückzusehnen.

Der Unternehmensberater Roland Berger, der auch Mitglied in der Arbeitsgruppe ist, zeigt sich dennoch überrascht von Stoibers Erfolgen. Zunächst dachte Berger, "wie soll ein Bayer, der wenig Englisch spricht und als euroskeptisch galt, in Brüssel Boden unter die Füße bekommen?" Die Realität sah anders aus: "Ich kenne kaum einen deutschen Politiker, der international so schnell Türen öffnen kann." Auch hierin wird ein Grund liegen, warum Stoiber sich das antut. Stoiber motiviere, urteilt Berger, nach seiner Zeit als bayerischer Ministerpräsident "nun auf europäischer Ebene eine viel beachtete Rolle zu spielen."

Der britische Gremienvertreter Michael Gibbons sieht in Stoibers guten Kontakten eine Schlüsselrolle für den Erfolg der ganzen High Level Group: "Ein Teil unserer Aufgabe ist es, die Vorschläge zu den Entscheidern zu tragen. Wer dann Termine bei den Regierungen bekommt, tut sich natürlich leichter, Erfolge vorzuweisen." Roland Berger glaubt, dass "Edmund Stoiber schon immer jemand war, der ungern halbe Sachen macht. Er packt die Dinge selbst an und setzt sie dann auch erfolgreich um." Hartnäckig ist Stoiber bis heute. Sein Mandat hat er längst verlängert. Bis Ende 2012.