Syriens Präsident Bashar Assad hatte genügend Zeit, um die wachsenden Unruhen in Nahost zu beobachten. Das war sein größter Vorteil gegenüber den Amtskollegen in Tunesien und Ägypten. Doch er verpasst die Chance. Tausende demonstrierten am Freitag nach dem traditionellen Gebet in Syrien erneut gegen das syrische Regime – und Assad reagierte mal wieder mit Gewalt: Mehrere Menschen starben durch die Schüsse seiner Sicherheits-Schergen. Bereits bei seiner Rede an die Nation vor zwei Tagen hatte Assad es versäumt, aus den Fehlern anderer zu lernen und die eigenen wiedergutzumachen.

Die syrische Regierung hat zum einen die Veränderungen in der gesamten Region zu spät erkannt. Inzwischen können arabische Regime nicht mehr so einfach auf westliche Scheinheiligkeit und israelische Arroganz verweisen, wenn sie die Bürger von der eigenen jahrelangen Misswirtschaft ablenken wollen. Die unterdrückten Menschen dulden plumpe Propaganda, räuberische Korruption und verantwortungslose Gewalt nicht mehr. Daraus folgt, dass jeder Versuch eines Regimes, die neuen Erwartungen seiner Bürger mit alten Mitteln zu bekämpfen, fehlschlagen muss.

Doch die syrische Führung wähnte sich in dem Glauben, sie sei eine Ausnahme. Als Grund führte sie ihren offenen Widerstand gegen die amerikanisch-israelische Ordnung in der Region und Assads persönliches Ansehen in weiten Teilen der Bevölkerung an. Dem Regime war zwar durchaus klar, dass die Ansprüche seiner Bürger zunehmen würden. Doch er dachte, durch eine präventive Sicherheitspolitik und Lohnerhöhungen sowie Steuersenkungen sei das Volk schon ruhig zu stellen. Assad führte außerdem vorsichtige Reformen durch, zum Beispiel änderte er ein wenig das kommunale Wahlrecht.
 Doch es nutzte nichts.

Denn das syrische Regime hat wichtige Veränderungen im Land verpasst. Eine davon war die Sichtbarkeit der Ereignisse: Vor der Revolution in Tunesien gab es nicht mal eine ansatzweise vollständige Überwachung der Medien. Informationen über die Praktiken des Regimes, vergangene oder gegenwärtige, waren überall zu erhalten. Doch die meisten Bürger hatten andere Sorgen, als sich damit zu befassen. Erst seit den Umwälzungen in der arabischen Welt steht alles im Zusammenhang mit der Regierung auch bei den Syriern auf dem Prüfstand. Jede Bewegung des Regimes wird dokumentiert, kommentiert und den Machthabern wird damit widersprochen.

Ein weiterer Fehler war es, Gewalt einzusetzen. Als es in verschiedenen Landesteilen zu Unruhen kam, reagierte der verwirrte Sicherheitsapparat Assads mit seinen tiefverwurzelten schlechten Angewohnheiten: Kinder wurden festgenommen, Frauen geschlagen und Demonstranten wurden erschossen. Erst nach der Eskalation beschloss die syrische Führung einige Dinge, die vorher wesentlich mehr Gewicht gehabt hätten: Die Regierung trat zurück und es gibt die Überlegung, den Ausnahmezustand aufzuheben. Im krassen Gegensatz dazu stand, dass gleichzeitig Millionen mobilisiert wurden, um auf der Straße ihre vermeintliche Liebe zum System zur Schau zu stellen. Der Personenkult um Syriens Präsident wurde noch erhöht.