Sie ist auf merkwürdige Weise präsent und abwesend zugleich. Seit 112 Tagen zeigen die Fernsehsender immer wieder Bilder einer energiegeladenen jungen Frau mit ansteckendem Lächeln und blonden Locken. Es sind stets dieselben Aufnahmen und unverkennbar keine Live-Szenen.

In einigen Tagen wird sie erneut die Bildschirme füllen, jedenfalls in den USA. Dann soll die Raumfähre Endeavour ins All starten. Ursprünglich war der Flug bereits für Freitag geplant. Wegen technischer Probleme wurde er  verschoben. Es ist die vorletzte Mission eines Spaceshuttle . Das Ende einer Epoche kündigt sich an. Aber das ist nicht der Grund des Interesses. Sie wollen wissen, ob Mark Kelly, wie geplant, als Kommandeur mitfliegt und ob sie Live-Bilder seiner Ehefrau Gabrielle Giffords sehen werden: wie sie ihrem Mann zum Abschied zuwinkt?

Seit die Kongressabgeordnete aus Arizona im Januar Opfer einer Schießerei wurde, kennt ganz Amerika ihren Kosenamen Gabby. Und die Bilder aus dem Archiv.

Immerhin gibt es diese Fotos von früher, die einen lebenslustigen Menschen mit wechselnden Frisuren aus verschiedenen Lebensjahren zeigen. Denn Giffords politische Biografie hat mittlerweile ein bedenkliches Stadium zwischen Realität und Scheinwelt erreicht. Ihr Büro versendet einen stetigen Fluss von Pressemitteilungen, die auf den ersten Blick den Eindruck einer hochaktiven Abgeordneten erwecken. Doch gesehen hat man sie bei keinem der Anlässe. Ende Februar war eine Einladung zur Förderung der Solarenergie mit Giffords als Gastgeberin darunter. Kurz vor Ostern kam die Bitte, Giffords Gesetzesentwurf zum verschärften Schutz der Grenze zu Mexiko zu unterstützen. In ihrem Heimatstaat Arizona hat sich eine Initiative gebildet, die möchte, dass sie bei der Wahl 2012 für den Senat kandidiert, die kleinere und feinere Länderkammer im Kongress. "Sie ist jetzt unschlagbar, egal, für welches Amt sie antritt", behauptet ein Wahlkampfexperte.

Seit 112 Tagen ist sie nicht mehr öffentlich aufgetreten. Am 8. Januar schoss ein psychisch Kranker sie und weitere 18 Menschen vor einem Supermarkt in Tucson nieder . Sechs von ihnen starben. Zwölf der 13 Verletzten haben sich fast vollständig erholt. Nur Giffords nicht. Sie erlitt einen Kopfschuss und war dem Tod nahe. Eine Kugel durchschlug ihre linke Gehirnhälfte. Einige Tage lag sie im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Dann erklärte der Arzt Peter Rhee, der sie operiert hatte, sie habe "101 Prozent Überlebenschance".

Seither wird Amerika mit guten Nachrichten über die Genesung gefüttert, anfangs nahezu täglich. Den Auftakt machte der Präsident, als er am 13. Januar bei der Trauerfeier in Tucson sprach und, abweichend vom Manuskript, erzählte, er komme gerade von ihrem Krankenbett. "Sie spürt, dass wir für sie da sind." Kurz nachdem er das Zimmer verlassen hatte, habe Gabby erstmals wieder die Augen geöffnet. Die 14.000 Teilnehmer der Feier sprangen von ihren Sitzen auf und jubelten, als hätten sie einer Wunderheilung beigewohnt. Vor vielen Fernsehern im ganzen Land flossen Tränen.

Jedes neue Genesungszeichen war den TV-Sendern eine "Breaking News" wert: als Gabby erstmals wieder die Hand ihres Mannes Mark drückte; als sie auf Ansprache mit einer Körperbewegung reagierte, die man als Antwort deuten konnte; wie sie lächelte, nachdem man ihr eine komische Szene aus dem Kongress geschildert hatte; wie sie ihre Hand von sich aus hob und Marks Wange berührte; als sie erstmals wieder ein Wort sprach: "Toast", ein Wunsch fürs Frühstück; und als sie erstmals aufstehen und ein paar Schritte gehen konnte.