Schwere Niederlage für die britischen Liberalen: Ein Jahr nach ihrem Eintritt in eine Koalition mit den Konservativen wurde die Partei bei Regional- und Kommunalwahlen von den Wählern abgestraft. "Wir haben vergangene Nacht einen richtigen Schlag verpasst bekommen", sagte der Chef der Liberaldemokraten, Nick Clegg. "In den Teilen des Landes, wo es echte Ängste gibt über die Pläne zur Defizitverringerung, die wir umsetzen müssen, bekommen wir ganz klar die Hauptschuld zugesprochen", betonte der Vizepremier. Die britische Regierung kämpft mit einem drastischen Kürzungspaket gegen ein Haushaltsdefizit in Rekordhöhe an.

Die Popularitätswerte der Liberaldemokraten sind seit deren Regierungsbeteiligung abgestürzt. Schlechte Abstimmungsergebnisse dürften Clegg nun zusätzlich unter Druck setzen. Doch sein Parteikollege Chris Huhne warnte vor einer Personaldebatte. Es sei nicht an der Zeit, um nach einem neuen Parteichef Ausschau zu halten, sagte der Energieminister.

Zugleich muss Clegg eine zweite Niederlage hinnehmen: Beim gleichzeitig stattfindenden Referendum über ein neues Wahlrecht stimmten die Wähler mehrheitlich gegen eine Änderung der bisherigen Regeln. Nach Auszählung aller 440 Wahlkreise stimmten rund 68 Prozent dagegen. Die Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent.

Die Liberaldemokraten, Juniorpartner in der seit Mai 2010 regierenden Koalition, hatten sich seit langem für eine Wahlrechtsreform ausgesprochen und das Referendum zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung gemacht. Die Konservative Partei von Premierminister David Cameron wollte am bisherigen Mehrheitswahlrecht festhalten. Die Wahlkampagne hatte die Koalitionspartner vor eine Zerreißprobe gestellt.

Beim Mehrheitswahlsystem gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen im Wahlkreis. Kritiker bemängeln, dass Wahlergebnisse nach dem bestehenden Mehrheitswahlrecht nicht die Wählerzahl einer Partei widerspiegeln, sondern nur gewonnene Wahlkreise. Das von den Liberalen befürwortete Alternativstimmenwahlrecht sollte die Chancen kleinerer Parteien verbessern und den Wählerwillen genauer abbilden.

Bei der gleichzeitigen Volksabstimmung über ein landesweit neues Wahlrecht deutete sich ebenfalls eine Niederlage an. Umfragen hatten ergeben, dass die Wähler am alten Mehrheitswahlrecht festhalten wollen. Die Liberalen hatten die Reform des uralten britischen Mehrheitswahlsystems als eines ihrer zentralen Ziele mit in die Koalitionsregierung gebracht. Dieses führt in der Regel dazu, dass entweder die Konservativen oder die Labour-Partei allein die britische Regierung bilden. Die Konservativen lehnen eine Reform ab und werden dabei von zwei Dritteln der Bürger unterstützt.

Auch bei der Regionalwahl in Schottland zeichnete sich ein Debakel für die Liberaldemokraten ab. Im Regionalparlament könnte die über Schottland hinaus unbedeutende Schottische Nationalpartei (SNP) erstmals die absolute Mehrheit erringen. Die Partei, die für die Eigenständigkeit Schottlands wirbt, kam bereits am Mittag auf 51 Sitze, vier mehr als im gesamten Jahr 2007. Der britische Premier Cameron sagte, er werde sich mit allen Kräften dafür einsetzen, das Vereinigte Königreich zusammenzuhalten. Regionalparlamente wurden neben Schottland auch in Nordirland und Wales neu gewählt.

Die Liberalen, die als kleinerer Partner mit den konservativen Tories die Regierung in London stellen, mussten auch bei den Kommunalwahlen im Norden Englands schwere Verluste hinnehmen, wie sich nach der Auszählung der ersten Stimmen zeigte. So verloren sie in Hull die Führung an die Labour-Partei. Auch in ihrer Hochburg Sheffield wurden sie von Labour überholt.