Die von der US-Regierung freigegebenen Video-Aufnahmen, die am Samstag von mehreren amerikanischen Fernsehkanälen ausgestrahlt wurden, zeigen einen bin Laden, wie ihn die Öffentlichkeit bislang nicht kannte: Einer der insgesamt fünf Videoclips zeigt den 1957 geborenen Al-Qaida-Chef mit grauem Haar und Bart. Gebeugt sitzt er mit einer Decke über den Schultern und einer Strickkappe auf dem Kopf vor dem Fernseher. Mit einer Fernbedienung in der Hand betrachtet er seine eigenen Filme, während er gelegentlich nickend vor- und zurückwippt.

Ganz anders präsentiert sich bin Laden in einer bis zu seinem Tod nicht ausgestrahlten Videobotschaft an die USA, in der er den Ermittlern zufolge gegen den Kapitalismus wettert. Für das Video hat er sich offenbar Haare und Bart schwarz gefärbt und wirkt geschminkt. Weitere Filme zeigen, wie der Al-Qaida-Chef für Videobotschaften übt.

Auch wenn die beschlagnahmten Aufnahmen ein verhältnismäßig unvorteilhaftes Bild des Al-Qaida-Chefs präsentieren: Für die US-Regierung gelten die Videos als Beleg dafür, dass Osama bin Laden bis zuletzt eine wichtige Rolle im Netzwerk der Terrororganisation eingenommen hat. Regierungsvertreter kommentierten am Samstag in US-Medien anonym die tonlosen Clips. Demnach beweisen die Filme, dass bin Laden bis zuletzt Anschläge der Terrororganisation und ihrer verbündeten Gruppen im Jemen und in Somalia geplant und dirigiert hat.

Was die Ermittler zu diesem Schluss bringt, ist allerdings unklar. Zumal die Öffentlichkeit nicht erfahren soll, was in den Filmen gesagt wird. Die Videos gäben keinen Aufschluss über den Verbleib von bin Ladens Stellvertreter und möglichem Nachfolger Aiman al-Sawahri, hieß es zudem.

Aus Ermittlerkreisen in Washington drang unterdessen an die Öffentlichkeit, dass ein privates Telefonat die Fahnder auf die Spur des Topterroristen geführt hat. Demnach erregte ein Handy-Gespräch von bin Ladens Kurier mit einem alten Freund die Aufmerksamkeit des US-Geheimdienstes. Wie die Washington Post berichtet, habe der Freund den Kurier Abu Ahmed al-Kuwaiti gefragt, wo er denn so lange gesteckt habe. Daraufhin habe dieser geantwortet: "Ich bin wieder bei den Leuten, bei denen ich früher war."

Als die Agenten dieses Gespräch mitgehört hätten, wäre ihnen klar gewesen, dass es eine heiße Spur wäre, berichtet die Washington Post – ungeachtet der strengen Vorsichtsmaßnahmen des bin-Laden-Teams. Auf dem Gelände in Abbottabad, auf dem sich der Topterrorist versteckt hielt, gab es weder Telefon- noch Internet- oder TV-Leitungen. Mitarbeiter des Al-Qadia-Chefs seien zum Telefonieren 90 Minuten weit weg gefahren. Erst dann hätten sie die Batterien in ihre Handys gelegt, berichteten US-Medien.