Ob sie schon einmal einen Tsunami in Bayern erlebt hätten, fragte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Journalisten, die sich während des G-8-Treffens in Deauville nach seiner Bewertung des deutschen Atomausstiegs erkundigt hatten. Weniger leger reagierte sein Industrieminister Eric Besson, der in einem Zeitungsartikel ausführlich begründete, warum Frankreich mit seiner Energiepolitik nicht allein dastünde – was ja auch stimmt, und doch: Die deutsche Energiewende erzeugt im westlichen Nachbarland, das beinahe 80 Prozent seines Stroms aus Kernenergie gewinnt, einige Nervosität.

Schon fragt Laurence Parisot, die Chefin des Unternehmerverbandes MEDEF, ob hinter dem Ausstiegsbeschluss nicht in Wahrheit ein gigantisches Programm für eine technologische Erneuerung der deutschen Industrie stünde. Und in den Medien werden Ökonomen zitiert, die den Deutschen immerhin einigen Wagemut attestieren. Wohl auch deshalb jubelt niemand darüber, dass Deutschland wegen der nun steigenden Stromkosten Konkurrenznachteile in Kauf zu nehmen bereit ist – die möglichen Innovationsvorteile könnten überwiegen.

Spott und Staunen zugleich also, und tiefe Verunsicherung. Denn nun stellen diese Deutschen, bislang für Frankreichs Wirtschaftspolitiker ein Vorbild dafür, wie ein Land seine Konkurrenzfähigkeit pflegt, just jene Industrie in Frage, die den Franzosen eines ihrer letzten Schmuckstücke ist. Frankreichs Wirtschaft, die anders als die deutsche nur über wenige Unternehmen mittlerer Größe verfügt, spielt weltweit im Wesentlichen nur mit seinen großen, meist staatlich kommandierten Firmen eine Rolle, und das gilt namentlich für seine Nuklearindustrie. Auf sie ist das Land stolz. Bisher.

Am Dienstag aber schlug der Figaro , das regierungstreue Blatt des Rüstungsindustriellen Serge Dassault, lauthals Alarm: Frankreichs "rechts-links-Konsens" über die Kernenergie sei bedroht. In der Tat ist die sozialistische Partei (PS) in dieser Frage uneins, und das bedeutet eine ganze Menge für eine Partei, die über tausend Fäden mit der Atomindustrie verflochten ist. Dass mit dem Thema die Wahlen 2012 gewonnen werden könnten, das glauben zwar selbst die Atomkraftgegner der PS nicht, aber die politische Partie ist eröffnet, und es ist denkbar, dass eine kommende sozialistische Regierung die Nuklearfrage dem Volk per Referendum vorlegen wird.

Auch das ist eine Unsicherheit, die den Befürwortern des bisherigen Kurses so gar nicht schmeckt, weshalb sie aus dem deutschen Ausstieg ein großes Thema machen. Der Figaro warnte heute davor, dass Europa nun in der Gefahr stünde, seine energetische Unabhängigkeit zu verlieren, weil sich die Deutschen auf russisches Gas verlassen müssten. Gelegen kommt dem konservativen Blatt natürlich auch das – leider zutreffende – Argument, dass der deutsche Atomausstieg ausgerechnet während einer klimakritischen Phase den Ausstoß an Kohlendioxid erhöhen werde. Nur mag man diese Argumentation einer Regierungsrechten nicht gern abnehmen, die unlängst eine bereits geplante Kohlendioxidsteuer zu Fall gebracht hatte.

Frankreich erkennt allmählich, dass es in einer Falle sitzt. Kein Land der Welt verlässt sich dermaßen einseitig auf die Kernkraft als Energiequelle. Und sein neuer, einst zusammen mit Siemens entwickelter Atomreaktor EPR ist zwar sicherer als die anderen, derzeit in Betrieb befindlichen Meiler, aber er ist eben auch groß und teuer. Die kleineren und billigeren Reaktoren der Konkurrenz hingegen liegen dort im Trend, wo die Kernkraft massiv ausgebaut wird, nämlich in Asien.

Der EPR war eine strategische Fehlentscheidung. Nicht die einzige. Das Land hat, genauso wenig wie die anderen Atomnationen, nie ernsthaft in die Entwicklung solcher Kerntechnik investiert, die physikalisch katastrophensicher ist. Sie versprach selbst mittelfristig kein Geschäft. "Evolution statt Revolution", das war der Slogan, der den Konsens der weltweiten nuclear community beschrieb.

Frankreich war auf derselben Linie – ein kapitaler Fehler besonders für ein Land, das sich dermaßen der Nukleartechnik verschrieben hat . Er ist nun nicht mehr rückgängig zu machen: Diese neue Generation von Kraftwerken ließe sich nur in einer internationalen Anstrengung entwickeln, und für die gibt es keine Partner, kein Geld, keinen Willen.