Nach dem Nato-Luftschlag auf Muammar al-Gadhafi, kommt es in Tripolis offenbar zu Vergeltungsangriffen. Augenzeugenberichten zufolge brannte am Sonntagnachmittag die italienische Botschaft. "Ich sehe immer noch Rauch aufsteigen", sagte ein Mann der Nachrichtenagentur Reuters. Der italienische Außenminister verurteilte den Angriff auf die Botschaft als "Vandalismus". Menschen befanden sich nicht mehr im Gebäude. Italien hatte die Vertretung bereits im März geschlossen.

Auch die leerstehende britische Botschaft in Tripolis ist am Sonntag zerstört worden. "Ich verurteile die Angriffe auf die Gebäude der britischen Botschaft in Tripolis genauso wie die Angriffe auf die Vertretungen anderer Länder", sagte Außenminister William Hague. Er forderte Gadhafi auf, die diplomatischen Vertretungen zu schützen. Das Regime habe erneut seine internationalen Verpflichtungen verletzt, sagte Hague.

"Wir glauben, dass auch andere ausländische Residenzen angegriffen worden sind", sagte eine Sprecherin des britischen Außenministeriums. Nationalitäten nannte sie nicht. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gibt es keine Hinweise, dass die deutsche Botschaft attackiert wurde.

Großbritannien wies den libyschen Botschafter aus. Er hat 24 Stunden Zeit, das Land zu verlassen.

Die BBC berichtete, dass auch UN-Gebäude von aufgebrachten Massen angegriffen wurden. Die Vereinten Nationen würden ihr Personal aus Tripolis abziehen. Die libysche Regierung hatte zuvor berichtet, dass Saif al-Arab, der Sohn von Gadhafi, bei einem Nato-Luftangriff zu Tode gekommen sei. Zudem sollen auch drei Enkelkinder von Gadhafi getötet worden sein, der Diktator und seine Frau überlebten den Angriff. Viele Regimegegner halten die Nachricht für eine PR-Lüge.

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Die Nato bestätigte einen Angriff auf ein "Kommando- und Kontroll-Gebäude" am Samstagabend im Stadtteil Bab al-Asisija in Tripolis. "Ich weiß von unbestätigten Medienberichten, wonach einige Mitglieder der Familie Gadhafis getötet worden sein könnten", sagte der Kommandeur des Nato-Einsatzes, General Charles Bouchard, am Sonntag, ohne Details zu bestätigen. Alle Nato-Ziele seien militärischer Natur. Laut US-Nachrichtensender CNN äußerte sich auch ein US-Regierungsmitarbeiter zurückhaltend. Er wisse von den Berichten, könne sie aber nicht bestätigen.

Ebenso äußerte sich die britische Regierung: "Ich fürchte, wir wissen nicht, ob es stimmt oder nicht", sagte Alistair Burt, Staatminister im britischen Außenamt. Libysche Beamte brachten Journalisten zu einem eingestürzten Haus, in dem die Familienmitglieder bei dem Raketeneinschlag getötet worden sein sollen.

Sollten die Tode der Gadhafi-Familienmitglieder bestätigt werden, könnte sich der Druck auf die Nato erhöhen. Kritiker monieren, die Allianz überschreite das UN-Mandat und wolle Gadhafi töten. Nach den jüngsten Medienberichten regten sich kritische Stimmen aus Russland: "Mehr und mehr Informationen deuten darauf hin, das die anti-libysche Koalition die leibhaftige Vernichtung Gadhafis zum Ziel hat", sagte der außenpolitische Sprecher des Unterhauses im russischen Parlament, Konstantin Kosachew. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez, ein langjähriger Verbündeter Gadhafis, nannte den jüngsten Angriff einen Mordversuch.

Es war bereits der zweite direkte Nato-Angriff auf Gadhafi innerhalb von 24 Stunden. Zuvor war ein Fernsehgebäude angegriffen worden, in dem der Diktator eine Rede hielt. Ein Regierungssprecher sagte laut Süddeutscher Zeitung, Informationen seien "durchgesickert". Das legt nahe, dass es im Kreis der Gadhafi-Vertrauten einen Verräter gibt, der die Nato über den Aufenthaltsort des libyschen Machthabers informiert.

Unterdessen griffen regierungstreue Truppen erneut die Rebellen im Westen des Landes an. Kämpfe soll es nach Angaben der Libyschen Jugendbewegung rund um die Stadt Wazin nahe der Grenze zu Tunesien gegeben haben. Laut Augenzeugen haben die Angriffe am frühen Sonntagmorgen begonnen. Rund 60 Panzer rückten nach diesen Angaben am Abend auf die umkämpfte Stadt Misrata vor.

Der vermeintliche Nato-Luftangriff war einer von mehreren in den letzten 24 Stunden. Bereits am Samstag trafen Nato-Kampfflugzeuge drei Ziele in der Nähe eines Fernsehsender-Gebäudes, während Gadhafi eine Fernsehansprache hielt. Darin bot er einen Waffenstillstand und Verhandlungen mit der Nato an, lehnte einen Rücktritt aber weiter ab. Die Rebellen und die Nato lehnten den Vorstoß umgehend als unzureichend ab. Im Osten des Landes wurden bei einem Luftschlag 45 Fahrzeuge der Gadhafi-Truppen zerstört. In den Städten Dschalu und Aulidscha, südlich der Frontlinie in der Nähe von Adschdabija, hätten die Regierungstruppen das Feuer eröffnet und dabei mindestens fünf Zivilisten getötet. Als sie Dschalu wieder verließen, sei der Konvoi von den Raketen getroffen worden.