Dem Schlagerstar Michel Martelly, der am Samstag zum neuen Staatschef Haitis vereidigt worden ist, steht eine schwere Aufgabe bevor: Der 50-jährige Politiknovize tritt die Führung einer von Naturkatastrophen und einer Cholera-Epidemie gezeichneten Nation an, deren politische Geschichte zuletzt vor allem von Putschen und Unruhen bestimmt war. Besonders kämpft das ärmste Land der westlichen Hemisphäre noch immer mit den Folgen des verheerenden Erdbebens von Januar 2010, bei dem mehr als 225.000 Menschen ums Leben kamen und jeder siebte Haitianer sein Zuhause verlor.

Kritiker werfen dem Karnevalssänger vor, kein abgeschlossenes Studium, keinerlei politische Erfahrung und auch sonst wenig zu haben, um den Wiederaufbau zu organisieren. Doch die Wähler ließen sich davon nicht beirren. Bei der zweiten Runde der Präsidentschaftwahl am 20. März wählten sie den stets elegant gekleideten Glatzkopf mit 67 Prozent ins Präsidentenamt. Zwar lag die Wahlbeteiligung bei nur 25 Prozent, doch gewann er souverän gegen die frühere Präsidentengattin und Professorin Mirlande Manigat.

Der von seinen Fans liebevoll "Sweet Micky" genannte Martelly war bis vergangenes Jahr vor allem als schriller Schlagerstar bekannt, der sich mit eingängigen Melodien und wiegenden Bewegungen in die Herzen seiner Landsleute sang und tanzte. Doch dank seines Optimismus und seines Dauerlächelns konnte er auch auf der politischen Bühne rasch überzeugen. Unterstützt wurde er dabei von Hip-Hop-Weltstar Wyclef Jean, der selbst wegen seines langen Aufenthalts im Ausland nicht kandidieren durfte.

Ein Spaziergang war der Weg ins Präsidentenamt für Martelly, der sich selbst nach einer haitianischen Musikrichtung den "Compas"-Präsidenten nennt, aber nicht. Nach den Ergebnissen der ersten Wahlrunde im November landete er nur auf dem dritten Platz hinter Manigat und Jude Célestin von der Präsidentenpartei Inité. Erst nach monatelangem Streit und blutigen Unruhen war die Partei des bisherigen Staatschefs René Préval im Januar gezwungen, ihren Kandidaten zurückzuziehen.