Als wir am Sonntag beim Abendessen in einem Restaurant saßen und von einem für meinen Geschmack allzu schadenfrohen Kellner die noch unbestätigte Nachricht hörten, dass eine amerikanische Spezialeinheit Osama bin Laden getötet habe, war es ungefähr halb neun Uhr, Pazifische Standard-Zeit. 

Offenbar früh genug für die Studentenzeitung meiner Universität, um von dem Ereignis in ihrer Montagmorgen-Ausgabe zu berichten. Früh genug sogar, um per Telefon erste Reaktionen zu sammeln. Eine meiner Kolleginnen, sie lehrt Politikwissenschaft, war früher Kanzlerin der Universität, wurde danach Sicherheitsberaterin des Präsidenten und schließlich Außenministerin, bevor sie wieder ins akademische Leben zurückkehrte, diese berühmte Kollegin sprach ähnlich wie der Präsident in Washington, obwohl Condoleezza Rice bekanntlich nicht zu Obamas Partei gehört. Sie zeigte sich patriotisch und dankbar gegenüber denen, die bin Laden überwältigt hatten. Ihre Botschaft: Gerechtigkeit ist geschehen.


Die vier oder fünf Studenten unter den Befragten betonten dagegen, dass sie die ersten Triumph-Reaktionen im Land abstoßend fanden. Einige billigten nicht einmal den Entschluss und die Anweisung des amerikanischen Präsidenten, bin Laden (in den Worten von Obamas Vorgänger) "zur Strecke zu bringen."

 Bald werden wir breiten und statistisch gesicherten Aufschluss über diese amerikanischen Reaktionen haben, doch ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dramatisch von dem Meinungsbild an meiner Universität abweichen werden. So dass sich das Bild am Ende gar nicht so sehr von den weit gestreuten Reaktionen in Europa unterscheidet. Nur die Proportionen mögen verschieden bleiben: Etwas mehr unzufriedene Bürger in Europa und etwas breitere Genugtuung in den Vereinigten Staaten. Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer solchen Konvergenz sollte in Rechnung stellen, wer nun – einmal mehr – den Stab über "die Amerikaner" (als gäbe es nur einen Typus von ihnen) brechen will.

Schwer vorstellbar ist allerdings, dass irgendein deutscher Politiker den Tod von bin Laden (oder eines anderen Staatsfeindes) so angekündigt und kommentiert hätte wie Obama. Das liegt nicht allein daran, dass Politiker mit vergleichbarem Redetalent in Deutschland nicht zu entdecken sind. Obama hat die nationale Einheit unseres Landes und ihre Zukunft, so wie er sie erhofft, heraufbeschworen; er dankte voll offenbar ernst gemeinter Bewunderung jener Spezial-Einheit, die die Aktion ausgeführt hatte.

All das ließe sich auch von einem besonders konservativen deutschen Politiker noch erwarten, obwohl man sich vor seiner Wahl nun gerade Obama in Europa ganz anders vorgestellt hatte. Schwerer vorstellbar ist hingegen, dass ein deutscher Politiker das Wort "töten" – so wie Obama es getan hat – auf Einheiten der Bundeswehr oder der GSG 9 anwendete und, vor allem, dass er solche Taten gleich mehrfach als einen Akt von "Gerechtigkeit" identifizierte. Geht Obama also zu weit? Beweist die Rede vom Sonntagabend, dass die Vereinigten Staaten in eine archaische Vergangenheit zurückfallen?

Was um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch kaum vorstellbar war, ist heute europäische Wirklichkeit: In den meisten Ländern Europas gibt es einen breiten Konsens gegen die Todesstrafe, dem der wohl ebenso breite Konsens für einen de facto Pazifismus entspricht – in dem Sinn, dass jeglicher Einsatz militärischer Gewalt um jeden Preis vermieden werden soll. Das ist eine Tendenz, die sich seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, seit Albert Camus' Engagement gegen die Todesstrafe zum Beispiel, immer weiter verstärkt hat. Auch in dieser Hinsicht haben sich Europa und die Vereinigten Staaten auseinander entwickelt.