Etwas mehr als ein Jahr ist es jetzt her, dass die längste sozialdemokratische Regierungsperiode, die Großbritannien bis heute gesehen hat, ihr jähes Ende nahm. Nie zuvor war es der "New Labour" gelungen, zwei volle Legislaturperioden in Regierungsverantwortung zu überstehen. Und nie zuvor in ihrer 111-jährigen Parteigeschichte hat New Labour so tiefgreifende programmatische und strukturelle Veränderungen durchgemacht wie in den 13 Jahren an der Macht. In den Reformen lag gewissermaßen Segen und Fluch zugleich: Ohne Erneuerung hätte Labour die historisch einzigartigen Wahlerfolge nicht erzielen können. Doch die radikale Selbstveränderung hat letztlich auch die tiefen Selbstzweifel im Labour-Milieu erzeugt.

Das Resultat: Bei den Unterhauswahlen am 6. Mai 2010 erzielten die Sozialdemokraten mit einem Stimmenanteil von 29,1 Prozent das schlechteste Wahlergebnis seit 1983. Nach dem sofortigen Rückzug Gordon Browns galten nur zwei der fünf Bewerbungen für den neuen Parteivorsitz als aussichtsreich: die der Brüder David und Ed Miliband , beide junge und dennoch erfahrene ehemalige Kabinettsmitglieder. Viel stärker als sein jüngerer Bruder wurde David Miliband in der sozialliberalen Presse als ein Protegé der alten " Blairites " beschrieben; als einer, der die politische Ökonomie der New-Labour-Jahre fortschreiben würde. Sein Bruder dagegen avancierte zum Lieblingskandidaten der Gewerkschaftsaktivisten. Und genau diese Sympathien waren letztlich ausschlaggebend, als Ed Miliband es am 25. September mit einer knappen Mehrheit von 50,7 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden schaffte.

Doch der Wahlerfolg hatte einen Beigeschmack: Sowohl bei den kommunalen Delegierten als auch bei den Abgeordneten im Unterhaus und im Europäischen Parlament war der jüngere Ed seinem Bruder unterlegen – nur bei den Gewerkschaften konnte er einen signifikanten und letztlich entscheidenden Vorsprung erzielen. Das zeigte, dass weder die Basis noch die Führung der Partei einen Wandel wollte, wie ihn der neue Vorsitzende während seiner Kampagne beworben hatte.

" Red Ed ", wie Miliband von Tories und konservativen Medien wegen seiner vermeintlichen Bindung an gewerkschaftliche Positionen verächtlich genannt wurde, verkündetete in den folgenden Monaten mehrfach seinen Anspruch, die Partei " beyond New Labour " zu platzieren – programmatisch wie strukturell.

Was er damit meint? Insbesondere will er die Wahl des Parteivorsitzenden neu organisieren und das so genannte Multiple-Vote-Verfahren abschaffen, in dem Parteimitglieder, die zugleich Mitglieder einer Gewerkschaft sind, über zwei Stimmen verfügen. Damit macht er deutlich, dass er die öffentliche Kritik an der Wahl im September ernst genommen hat und von dem Vorhaben seiner Vorgänger, den Einfluss der Gewerkschaften zu beschneiden, vorerst nicht abrücken wird. Außerdem sollen Labour-Sympathisanten ohne Parteimitgliedschaft künftig bei der Wahl des Vorsitzenden abstimmen dürfen.

Diese stärkere Einbindung der grassroot members scheint auch  dringend nötig, denn in der Ära Blair-Brown sind die Parteimitglieder in Scharen davongelaufen. Im Frühling von New Labour, das war im Jahr 1997, hatten sich 407.000 Briten der Partei Tony Blairs angeschlossen; zehn Jahre später zählten die Sozialdemokraten nur noch 177.000 Mitglieder, also weniger als die Hälfte – womit sie den historischen Tiefstand seit ihrer Gründung im Jahr 1900 erreicht hatten. Allerdings erlebte Labour in der ersten Woche nach der verlorenen Unterhauswahl einen erstaunlichen Mitgliederzuwachs von sechs Prozent: Vor allem enttäuschte Anhänger des sozialliberalen Flügels der mitregierenden LDP kehrten zurück oder liefen in das sozialdemokratische Lager über. Um den neuen Aufwärtstrend zusätzlich anzuregen, rief Miliband im Dezember 2010 eine Kampagne ins Leben: Für nur einen Penny konnten Menschen unter 27 Jahren bis Mai 2011 Parteimitglied werden. Doch natürlich wird sich die Partei – wenn sie wieder mehrheitsfähig werden möchte –  auf mehr stützen müssen als auf junge, studentische Wähler, die in Großbritannien derzeit wegen beispiellosen Budgetkürzungen in Aufruhr sind.