Die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) ist eine stolze, mitgliederstarke Partei mit einer glanzvollen Geschichte. Doch ihre Gegenwart ist nicht rundweg düster. Immerhin stellen die Sozialdemokraten den Bundespräsidenten und den Bundeskanzler, zudem wurde die SPÖ bei der letzten Nationalratswahl erneut die stärkste Partei.

Trotzdem gibt es Grund zur Sorge. Zahlreiche Hinweise sprechen für einen rapiden Verfall der Partei. Auf ihrem Zenit im Jahr 1979 erhielt die SPÖ bei der Nationalratswahl 51 Prozent der abgegebenen Stimmen, die Partei hatte 721.000 Mitglieder. Heute dagegen besitzen nur noch 243.000 Österreicher ein rotes Parteibuch. Und bei der jüngsten Nationalratswahl rutschten die Sozialdemokraten erstmals unter die Marke von 30 Prozent.

Das Erfolgsrezept der SPÖ in den 1970er Jahren war die sogenannte Kreisky-Koalition, ein Bündnis aus traditioneller Arbeiterschaft, dem Neubürgertum und kritischer Jugend. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Der Anteil der Arbeiter unter den SPÖ-Mitgliedern, Anfang der 1950er Jahre bei rund vierzig Prozent, ist auf unter zwanzig Prozent gesunken. Und der damalige Trend zur Verjüngung ist längst in einen Mangel an Nachwuchs umgeschlagen. Die SPÖ schafft den Spagat nicht mehr, und sie schafft ihn vor allem dort nicht mehr, wo er besonders breit ist – in den Großstädten. In keiner Landeshauptstadt erreichte die SPÖ bei der Nationalratswahl 2008 auch nur vierzig Prozent.

Der Niedergang hängt mit den Kennzeichen des politischen Systems Österreichs zusammen: der Sozialpartnerschaft, der traditionell Großen Koalition sowie dem Einfluss des verstaatlichten Wirtschaftssektors. Die Sozialpartnerschaft kümmert sich um den Ausgleich von verfeindeten Interessen wie etwa zwischen Unternehmen und Gewerkschaften, ihre Kultur ist der Kompromiss. Sie beruht auf vertraulichen Absprachen und der Verlässlichkeit der Verhandlungspartner. Durch die Sozialpartnerschaft waren die Gewerkschaften und durch sie auch die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten an allen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen beteiligt. Arbeitervertreter stiegen auf, aus kleinen Leuten wurden Mächtige, die bald jedes Verständnis für ihre Herkunft verloren. Wiederholt wurde in den vergangenen dreißig Jahren über die abgehobene "neue Klasse" der SPÖ-Funktionäre geklagt und über die "Vergroßbürgerlichung" der Partei.

Hinzu kam die Neigung der österreichischen Sozialdemokratie, Große Koalitionen zu bilden. Dies war zunächst eine plausible Lehre aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Doch ihre Probleme überwogen umso mehr, je stärker sich die Nachkriegsdemokratie entwickelte. Vor allem verloren die österreichischen Sozialdemokraten so ihr eigenständiges Profil, weil sie sich voll auf die politische Mitte konzentrierten. So öffneten sie weite Räume für andere Parteien am Rand des politischen Spektrums, die eindeutigere und in sich schlüssigere Positionen vertraten.

Und dennoch: Das Ausmaß, in dem die österreichischen Sozialdemokraten an Sympathie verloren, bedarf einer zusätzlichen Erklärung. Seit den 1980er Jahren explodierten die Verluste der verstaatlichten Industrie, das Ende des Keynesianismus in Österreich wurde eingeläutet, wesentliche Grundlagen des Wirtschaftssystems brachen weg. Sinkende Einnahmen und steigende Ausgaben ließen das Defizit wachsen. Die SPÖ-geführte Regierung reagierte mit Privatisierungen, Sparpaketen und Leistungskürzungen.