Als "Latte-Macchiato-Partei" hat SPD-Chef Sigmar Gabriel die Grünen im Herbst 2010 bezeichnet, als sie in den Umfragen Woche für Woche zulegten, während die Sozialdemokraten entnervt auf der Stelle traten. Gabriels Schweizer Genossen dürften sich darüber  nicht sonderlich gefreut haben. Denn in der Schweiz sind sie es, die gern von ihren Gegnern verspottet werden – und zwar als "Cupli-Sozis". Cupli ist in der Schweiz die Bezeichnung für Champagner. Und in der Tat: Sehr proletarisch geht es in der Sozialdemokratischen Partei (SP) seit über einem Vierteljahrhundert nicht mehr zu. Arbeiter und SP-Aktivisten sind sich in den alltäglichen Lebenswelten längst fremd geworden. Dagegen wählten zuletzt 40 Prozent der Großverdiener in der überproportional wohlhabenden Schweiz die Partei der roten Fahnen und der sozialistischen Zukunftsvision.

Das liegt auch an den "68ern", die im Profil der Sozialdemokraten tiefe Spuren hinterlassen haben. Die politisierte Studenten-Generation von 1968 marschierte selbstbewusst in die SP, veränderte sie radikal. Die Positionen der Frauenbewegung, der Dritte-Welt-Initiativen, der Ökologiegruppen, der Bürgerrechtler, Pazifisten und Schwulenvereinigungen drangen in alle Poren des sozialdemokratischen Selbstverständnisses.

Die Folge: Innerhalb einer Dekade ging der Anteil der Arbeiter bei den SP-Wählern um die Hälfte zurück; 1991 betrug er nur noch 18 Prozent. Die SP, die sich vollständig einem postmaterialistischen Politikverständnis verschrieb und in den 1980er Jahren in einigen Kantonen Listenverbindungen mit den Grünen einging, geriet zum Ende des Jahrzehnts in eine tiefe Krise. Erstmals seit Einführung des Proporzwahlrechts im Jahr 1919 fiel sie bei den Nationalratswahlen 1987 und 1991 unter 20 Prozent der Stimmen.

Und der Gewinner hieß: Christoph Blocher. Während die SP in ihrem historischen Tal feststeckte, krempelte der protestantische Pfarrerssohn und Millionär die bis dahin brav und gemütlich auftretende SVP, die Partei der Bauern, Winzer und Gewerbetreibenden, radikal um. Blocher selbst war ein begnadeter Rhetoriker, der seine Botschaften immer bildreich, pointiert und verlässlich aggressiv unter das Volk brachte, wenn er gegen die "classe politique", gegen "Linke und Nette" und "kriminelle Ausländer" ins Feld zog. Die Schweizerische Volkspartei SVP, die zwar Partei zahlreicher Unternehmer und Modernisierungsantreiber war, wurde auf diese Weise innerhalb eines Jahrzehnts auch zur Partei der Schlechtgebildeten, der Arbeiter und Arbeitslosen, kurz: der Modernisierungsverlierer. Sie, nicht die SP, entwickelte sich zur modernen Arbeiterpartei der Schweiz.