Im Sudan scheint eine erneute Eskalation bevorzustehen. Wenige Wochen vor der geplanten Unabhängigkeitserklärung des Südens übernahm die nordsudanesische Armee die Kontrolle über Abyei, Hauptstadt der gleichnamigen Grenzregion. Südsudanesischen Angaben zufolge zogen Truppen des Nordens mit Panzern ein. Außerdem habe es eine Bombardierung aus der Luft gegeben. Auch seien mindestens vier Dörfer beschossen worden. Im sudanesischen Staatsfernsehen in der Hauptstadt Khartum hieß es, die Truppen des Nordens hätten "feindliche Kräfte" zurückgeschlagen.

UN-Mitarbeiter in Abyei bestätigten, dass die nordsudanesische Armee nach Angriffen mit schwerer Artillerie die Stadt nun unter ihrer Kontrolle habe. Die UN-Mission im Sudan (UNMIS) zeigte sich angesichts der Kämpfe "tief besorgt". Sie forderte ein sofortiges Ende der Feindseligkeiten und einen Rückzug aller nicht autorisierten Truppen. Auch die US-Regierung verurteilte das Vorgehen des Nord-Sudan als "unangemessen und unverantwortlich" und verlangte einen Abzug der Einheiten aus Abyei.

Die Auseinandersetzungen hatten am Donnerstag begonnen, nachdem die nordsudanesische Armee erklärt hatte, 22 ihrer Soldaten seien in einem Hinterhalt von Truppen des Südens getötet worden. Der von UN-Blauhelmen eskortierte Militärkonvoi war etwa sieben Kilometer von Abyei unter Beschuss geraten. Der Südsudan wies jegliche Verantwortung für den Angriff zurück.

Sowohl der Norden als auch der Süden erheben Anspruch auf die Region Abyei, die wegen ihrer Ölvorkommen und des fruchtbaren Weidelands begehrt ist. Der Konflikt ist der wichtigste offene Streitpunkt vor der Aufteilung des Landes, die der Süden am 9. Juli durch die Ausrufung seiner Unabhängigkeit vollziehen will. Die dortige Bevölkerung hatte sich im Januar in einem Referendum mit großer Mehrheit für die Loslösung vom Norden entschieden. Die Volksabstimmung war Teil eines Friedensabkommens von 2005, das einen mehr als 20 Jahre dauernden Bürgerkrieg beendete.

Mit der Unabhängigkeit des Südens verliert der Sudan, bisher der größte Staat Afrikas, einen großen Teil seines bisherigen Staatsgebietes und zwei Drittel der Ölquellen. Ein ebenfalls für Januar geplantes Referendum über die Zukunft von Abiyei musste aufgrund organisatorischer Probleme und anhaltender Spannungen verschoben werden.